Eine Beduinengemeinschaft lädt ein – mit päpstlichem Segen

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Alle packen mit an für das grosse Fest ©EAPPI/2015

Jabal al Baba, übersetzt der Berg des Papstes, ist ein Hügel im besetzten Westjordanland bei Ost-Jerusalem und das Zuhause einer Beduinengemeinschaft mit 45 Familien. Der Ort verdankt seinen originellen Namen einem kleinen Stück Land, das der  jordanische König Hussein dem Vatikan 1964 während seiner Herrschaft über das Westjordanland geschenkt hat. Bei unserem ersten Besuch in Jabal al Baba wurden wir zum heutigen Fest geladen und reisen nun gespannt durch den Checkpoint in das kleine Dorf auf der anderen Seite der Trennmauer.

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Hoher Besuch: Der Präsident der Al Quds Universität in Ost-Jersualem, Dr. Imad Abu Kishek, mit seinem Leibwächter ©EAPPI/2015

Anlass des Festes ist der internationale Tag der indigenen Völker. Gemeinsam mit Atallah Mazara’a, dem Sprecher der Gemeinschaft, hat das Menschenrechtszentrum der Al Quds Universität in Ost-Jerusalem zahlreiche Beduinenführer, Anwälte und Universitätsvertreterinnen eingeladen, um über die Situation der Beduinen in Palästina und Israel zu sprechen.

Zur Bewirtung der mehr als 60 internationalen und lokalen Gäste kommt zum ersten Mal das renovierte „Papsthaus“ zum Zug. Dieses kleine Haus wurde 1964 als Gebetsraum gebaut und soll in Zukunft als Übernachtungsmöglichkeit für Touristen und Touristinnen dienen, welche mehr über das Leben der Beduinengemeinschaften erfahren möchten. Eine innovative Verbindung von päpstlichem Segen, Tourismus und politischer Arbeit. Denn die Beduinengemeinschaft von Jabal al Baba ist nicht nur dank ihrem kleinen Flecken Vatikanland interessant.

Blick vom renovierten "Papsthaus" in Richtung Jersualem
Blick vom renovierten „Papsthaus“ in Richtung Jerusalem ©EAPPI/2015

Das Dorf liegt an einem strategisch wichtigen Punkt für Israels Expansionspläne rund um Jerusalem – mitten im sogenannten E1 Plan. Dieser hat zum Ziel, über eine Ausweitung der Trennmauer zwischen dem annektierten Ostjerusalem und der Westbank das grosse Settlement Ma’ale Admumim weiter auszubauen und direkt an Jerusalem anzuschliessen. Die Verwirklichung dieses Plans steckt erst in seinen Anfängen, ist jedoch politisch brisant. Seine Umsetzung wird oft mit einem Ende der Zweistaatenlösung gleichgesetzt, da laut der UN-Organisation für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) der Süden der Westbank fast vollständig vom Norden abgetrennt und Ost-Jerusalem isoliert würde. Seine Umsetzung wird von der internationalen Gemeinschaft argwöhnisch beobachtet.

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Freiwillige des Community Action Centers in Jersualem sorgen für einen reibungslosen Ablauf des Festes ©EAPPI/2015

Die 300 Mitglieder des Jahalin Stammes von Jabal als Baba leben inmitten dieses politischen Minenfeldes in Zelten und 28 von der EU finanzierten Baracken, welche bereits zerstörte Zelte ersetzen. Die geplante Zwangsumsiedlung dieser und anderer Beduinengemeinschaften rund um Ostjerusalem in drei besonders für diesen Zweck gebaute Städte ist ein Teil der Umsetzung des E1 Plans.

Was Israel den „Relocation Plan“ nennt, ist laut UN eine Zwangsumsiedlung von Menschen in besetzen Gebieten, welche gegen das humanitäre Völkerrecht und international garantierte Menschenrechte verstösst. Ob die betroffenen Menschen Eigentumsrechte für das Land besitzen, auf dem sie leben, spielt dabei keine Rolle. Nicola Harrison von der für die palästinensischen Flüchtlinge zuständigen UN-Organisation (UNRWA) betont diesen Umstand, da die meisten Beduinen keine Eigentumsrechte besitzen.

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Knaben aus Jabal al Baba zeigen den Besuchern einen traditionellen Tanz der Beduinen ©EAPPI/2015

Hintergrund dafür ist, dass die Mehrheit der in der Westbank lebenden Beduinen im Krieg 1948 aus der heute in Israel liegenden Negev-Wüste vertrieben wurden. Unter Aushandlung mit lokalen Hirten haben sie als Flüchtlinge in der Westbank neues Land für ihre Tiere gefunden und dieses durch informelle Vereinbarungen mit den Landbesitzern aus den Dörfern seither nutzen können.

Über viele Jahre konnten die Beduinenfamilien vom Verkauf von Produkten auf dem Fleisch- und Milchmarkt Jerusalems leben. Heute steht ihre Lebensweise kurz vor dem Kollaps und die Beduinen sind laut UNRWA die verletzlichste Gruppe der palästinensischen Flüchtlinge. Da sie oft an abgelegenen und wenig besiedelten Orten im Westjordanland leben, sind sie am stärksten von den Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der Unzugänglichkeit der vollständig von Israel kontrollierten Area C betroffen. Area C umfasst rund 60% der Westbank. Für Palästinenserinnen und Palästinenser ist es praktisch unmöglich, in diesem Gebiet eine Baubewilligung zu erhalten, weshalb Gemeinschaften wie Jabal al Baba regelmässig unter Zerstörungen ihrer Bauten leiden.

Atallah diskutiert mit dem Direktor der Human Rights Clinic der Al Quds Universität die Situation von Jabal al Baba
Atallah Mazara’a diskutiert mit Munir Nuseibah, dem Leiter des Menschenrechtszentrums der Al Quds Universität, die Zukunft seiner Gemeinschaft ©EAPPI/2015

Um ihre erneute Vertreibung in die geplanten „Beduinenstädte“ und den Verlust ihrer traditionellen  Lebensweise in einem städtischen Umfeld zu verhindern, reiste Atallah Mazara’a im Frühling durch Europa, um unter anderem im EU-Parlament und im Vatikan vorzusprechen. Der Vatikan hat seine Unterstützung für verschiedene Projekte zugesagt – unter anderem für das Sommerlager der Kinder aus den umliegenden Beduinengemeinschaften.

Das traurige an der päpstlichen Erfolgsgeschichte von Jabal al Baba ist, dass viele andere Dörfer nicht so viel internationale Aufmerksamkeit bekommen – sei es, weil sie nicht an einem solch strategisch und politisch zentralen Ort leben oder weil sie keine von ausländischen Geldgebern finanzierte Bauten haben. Vergessen wir deshalb auch die übrigen 7’000 von Zwangsumsiedlung bedrohten Beduinen in der Westbank nicht.

Letzte Woche hat Jabal al Baba nach fünf ruhigen Monaten überraschend erneut Zerstörungsverfügungen für sieben Bauten erhalten. „Es liegt etwas in der Luft“, meint Osama Al Risheq vom Menschenrechtszentrum der Al Quds Universität zu den in letzter Zeit ergangenen Zerstörungsverfügungen in verschiedenen Beduinengemeinschaften. „Deshalb versuchen wir so nah wie möglich an den Gemeinschaften zu bleiben.“

Dies versuchen auch wir Freiwilligen von EAPPI und besuchen regelmässig verschiedene Beduinengemeinschaften, um ihnen durch internationale Präsenz Schutz vor Zerstörungen, Landkonfiszierung und Zwangsumsiedlung zu bieten.

Mehr zum Thema in Englisch:

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