Im Niemandsland des Shu’fat Flüchtlingslagers

Es dauerte mehrere Wochen bis ich die Grenzziehungen rund um Jerusalem nur annähernd verstand. Das palästinensische Flüchtlingslager Shu’fat beispielsweise liegt im Stadtgebiet von Jerusalem. Und doch ausserhalb. Das Lager ist von der israelischen Trennmauer umgeben und dadurch von Jerusalem abgeschnitten. Obwohl die Menschen im Lager von Shu’fat als Bewohner und Bewohnerinnen Jerusalems gelten und eine entsprechende Identitätskarte besitzen, müssen sie sich, wenn sie aus dem Lager Richtung Ost-Jerusalem gehen, am Checkpoint an der Mauer ausweisen.

Israel hat die Gemeindegrenzen Jerusalems bei der völkerrechtswidrigen Annektierung Ost-Jerusalems 1967  unilateral festgelegt und statt der bisherigen 6km2 ein Gebiet von 70km2 mit eingeschlossen. Die in diesem Gebiet lebenden Palästinenser und Palästinenserinnen haben einen Status als „dauerhafte Bewohner“ Jerusalems erhalten. Dieser Status gibt ihnen kein israelisches Bürgerrecht, aber Zugang zu gewissen sozialen und medizinischen Dienstleistungen in Israel sowie mehr Bewegungsfreiheit als der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank.

Mit dem Bau der israelischen Trennmauer  wurden die Grenzen Ost-Jerusalems jedoch nochmals neu gezogen. Umliegende israelische Siedlungen und unbesiedelte palästinensische Felder wurde miteingeschlossen, bevölkerungsreiche palästinensische Stadtteile wie das Shu’fat Flüchtlingslager ausgeschlossen.

Snapshot Jerusalem
Karte von UNOCHA (2011): Grüne Linie = Waffenstillstandslinie von 1949, rote Linie = Trennmauer, gestrichelte rote und schwarze Linie = geplante und noch nicht fertiggestellte Trennmauer, rote Punkte = durch Mauer isolierte palästinensische Ortschaften, blaue Punkte = durch Mauer eingeschränkte palästinensische Ortschaften

Das Shu’fat Lager ist eines von 19 palästinensischen Flüchtlingslagern in der Westbank. Die meisten Lager entstanden nach dem Krieg 1948, der in Israel Unabhängigkeitskrieg und in Palästina „Naqba“ (Katastrophe) genannt wird. Bei der für die palästinensischen Flüchtlinge zuständigen UN-Organisation, UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees), waren 1950 bei der Gründung der Organisation 750’000 Flüchtlinge registriert – heute sind es 5 Millionen Flüchtlinge. Davon lebt ein Drittel verteilt auf 58 Flüchtlingslager in Jordanien, Libanon, Syrien, Gaza und in der Westbank.

Shufat
Blick auf das Shu’fat Flüchtlingslager über die das Lager umgebende israelische Trennmauer ©EAPPI/2015

Wenn man sich ein Flüchtlingslager vorstellt, denkt man an Zelte, an temporäre Unterkünfte. Dieses Lager hingegen besteht aus einem dicht- und hochgebauten Quartier – und die Flüchtlinge leben dort seit bald 50 Jahren in der vierten Generation. Es wurde 1965 gegründet. Die meisten Flüchtlinge im Lager stammen aus dem marokkanischen Viertel in der Altstadt Jerusalems, das damals  niedergerissen wurde, um den Platz vor der Klagemauer frei zu machen. Da die Bevölkerung über die Jahre stark gewachsen ist, gleichzeitig aber der zur Verfügung stehende Raum nicht zugenommen hat, ist das Lager enorm dicht besiedelt.

Shufat, garbage
Abfallberge in den Strassen des Shu’fat Flüchtlingslagers ©EAPPI/2015

Die Menschen im Shu’fat Lager bezahlen israelische Steuern, erhalten jedoch nur einen Teil der Leistungen der Stadtverwaltung, wie Wasser- und Stromversorgung. Abfallberge in den Strassen zeugen von der fehlenden Abfallentsorgung. UNRWA erbringt dem Lager gewissen Dienstleistungen – jedoch nur im Umfang der 11’000 registrierten Flüchtlinge und nicht der geschätzten 70’000 Bewohner und Bewohnerinnen. Eine offzielle Verwaltung des Flüchtlingslagers existiert nicht. Die israelische Polizei betritt das Lager nicht, die palästinensische Polizei hat keinen Zugang.

Die Freiwilligen von EAPPI beobachten den Checkpoint des Lagers in der Regel während der Schulzeiten, da die Kinder auf dem Weg zu ihren Schulbussen den Checkpoint durchqueren müssen. In den letzten Wochen konnten wir diese Aufgabe aufgrund der angespannten Sicherheitslage und der regelmässigen Zusammenstösse um diesen Checkpoint nicht wahrnehmen.

Das Bild des Shu’fat Lagers als gefährliches und unbekanntes Niemandsland steht im Kontrast zu der Tatsache, dass viele der Bewohner und Bewohnerinnen aufgrund der UNRWA-Schulen sehr gut gebildet sind. Da es schwierig ist, ausserhalb des Lagers Arbeit zu finden, ist die Arbeitslosenrate jedoch sehr hoch. Auch sozial sind die Menschen im Lager oft ausgeschlossen, wie uns eine Mitarbeiterin des Quartierzentrums für Kinder erzählt. In ihrem Zentrum finden Kinder aus dem Lager einen sicheren Platz und ein kulturelles Angebot, das von Bewohnern und Bewohnerinnen gestaltet wird.

Die Mitarbeitenden des Zentrums erzählen uns auch von der „Shu’fat Initiative“, in welcher die Leiter und Leiterinnen verschiedener im Lager engagierter Organisationen zusammenkommen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Wir lernen Dr. Salim Anati, ein Mitglied dieser Initiative kennen.

Shufat, dr Salim
Dr. Salim Anati vor seinem Rehabilitationszentrum „El-Quds Charitable Society“ im Shu’fat Flüchlingslager ©EAPPI/2015

Nach seinem Medizinstudium in Rumänien fand er sich als einziger Arzt im Lager wieder und beschloss, den administrativen Hürden und Befragungen des israelischen Militärs zu trotz, ein Rehabilitationszentrum für Behinderte aufzubauen, die „El Quds Charitable Society“. Mit viel Kreativität und Engagement hat er über die Jahre eine Reihe an Partnerschaften, Geldgebern und freiwillig engagierten Ärzten und Ärztinnen zusammengebracht, um ein breites Angebot an Physiotherapie und sozialen Projekten zur Verfügung zu stellen. Viele Behinderungen sind auf Zusammenstösse mit dem israelischen Militär zurückzuführen. Mehrere Personen aus dem Lager haben durch Gummigeschosse des Militärs ein Auge verloren, wie zuletzt ein 10-jähriger Junge im Juli 2015 (siehe B’Tselem).

Salim Anati’s Tatendrang zur Gestaltung des Gemeinschaftslebens im Lager scheint unermüdlich. Zum Schluss betont er jedoch: „Wir dürfen den Glauben an unser Recht auf Rückkehr nicht aufgeben“. Diese Hoffnung auf Rückkehr und die Angst vor einer Normalisierung der Vertreibung und Besetzung zeigen, wie schwierig der Blick in die Zukunft unter diesen  Lebensbedingungen bleibt.

Mehr Infos:

  • Factsheet von UNOCHA zu den Auswirkungen der Trennmauer auf palästinensische Ortschaften: Die voraussichtlich ca. 708 km lange Mauer wird völkerrechtswidrig zu 85% auf palästinensischem Gebiet liegen und fast 10% des Gebiets der Westbank isolieren.
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