Konfliktreiche Oliven

Wer das kleine Dorf Yanoun besucht, dem wird schon auf dem Weg dorthin schnell klar, worauf die Landwirtschaft in dieser malerischen Gegend beruht. Die unzähligen Olivenbäume, welche die Talböden und Hügel in der Region bedecken, tragen wesentlich zum Einkommen der Menschen in dieser sehr ländlich geprägten Region bei. [UN Factsheet]

Seit Anfang Oktober lebe ich nun hier zusammen mit vier weiteren Freiwilligen, um das Leben der Menschen zwischen Nablus und Ramallah zu begleiten und mit eigenen Augen zu sehen wie sich der Konflikt zwischen Israel und den PalästinenserInnen auf ihren Alltag auswirkt. Der Anfang unseres Aufenthalts war hierbei sehr stark durch die Olivenernte geprägt, wobei wir zahlreiche Familien begleitet haben. Eine wunderbare Erfahrung, bei der wir das Familienleben und  die Gastfreundschaft der Palästinenser aus nächster Nähe miterleben durften und nebenbei auch gründlich ins schwitzen gekommen sind.

Der Grund für unsere Präsenz vor Ort ist jedoch weniger erfreulich. Immer wieder werden PalästinenserInnen und ihr Land von radikalen israelischen Siedlern angegriffen, besonders häufig treten diese Zwischenfälle während der Erntezeit auf. Einen schweren Zwischenfall konnte unser Team in dem palästinensischen Dorf Burin dokumentieren. Hier setzten Siedler unterhalb der illegalen Siedlung Yitzhar Land der Gemeinde in Brand und gingen gewaltsam gegen die Erntehelfer vor. Erschreckend war dabei auch die Tatsache, dass sie nicht davor zurückschreckten einen 66 Jahre alten britischen Freiwilligen mit Steinwürfen zu verletzen [Artikel Independent]. Yanoun selbst hat eine besonders tragische Geschichte mit Gewalt von Siedlern der Itamar Siedlung, die von einem ehemaligen Freiwilligen in einem lesenwerten Buch festgehalten wurde [Living with settlers].

EAPPI - Settler arson attack and violence2015-10-14.-Yanoun-Burin.-Overview-olive-trees-burning.-E-Svanberg1444917731

Ein elementares Problem für den Olivenanbau im Westjordanland stellen ausserdem die Zugangsbeschränkungen der PalästinenserInnen zu ihrem Land dar, die im so genannten Oslo II Abkommen (1995) begründet sind. Demnach hat die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) autonome Regierungskompetenzen über lediglich etwa 18% der Landfläche des Westjordanlandes (Area A) erhalten, welche die grossen Bevölkerungszentren umfassen. In circa 22% des Gebietes (Area B) teilen sich Israel und die PA die Verwaltung, während in etwa 60% der Landfläche (Area C) Israel die alleinige Kontrolle (militärisch und zivil) behält. Nun befinden sich grosse Teile der Landwirtschaftsfläche logischerweise ausserhalb der der Bevölkerungszentren und damit unter israelischer Kontrolle. Das Bewirtschaften dieser Flächen ist nur in Koordination zwischen israelischen und palästinensischen Behörden möglich.

Für die Olivenernte erhalten die Gemeinden dabei in der Regel ca. vier Tage zugesprochen, für die Neupflanzung von Bäumen ist ein Tag vorgesehen. Die restlichen Tage des Jahres haben die PalästinenserInnen keine Erlaubnis dieses Land zu bearbeiten. Nun muss man kein Landwirtschaftsexperte sein um zu verstehen, dass dieses begrenzte Zeitfenster viel zu klein ist um die Ernte einzubringen und sich gleichzeitig um die Pflege der Bäume zu kümmern. Ernteausfälle und ein Qualitätsverlust der Früchte sind die Folge, damit verbunden ein deutlicher Einkommensverlust für die Bevölkerung.

Als internationale Freiwillige versuchen wir durch unsere Präsenz zumindest in diesem sehr begrenzten Zeitraum einen geregelten Ernteablauf für die Familien zu gewährleisten. Dass sich die Siedler davon beeindrucken lassen, ist nicht garantiert. In den Fällen in denen sich die Übergriffe nicht verhindern lassen, bleibt uns nichts anderes übrig als zumindest die Auswirkungen zu dokumentieren.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Konfliktreiche Oliven“

  1. Mit einer Argrarwirtschaft ist im Jahr 2015 kein Staat zu machen. (Außer Neuseeland. Und gegen die Kiwis haben die Palästinenser auf dem Weltmarkt auch ohne Besatzung keinen Stich.) Wie wäre es, man brächte den Kindern bei, das zu produzieren, was Israel steinreich macht: Code? Olivenbäume sind in zivilisierten Gesellschaften Dekoration für Landsitze und kein Wirtschaftsfaktor. (Ja, Griechenland, dieser Seitenhieb zielt auf Dich.)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s