Aus dem Leben einer „ökumenischen Begleiterin“

Gerade eben sind wir in Yatta angekommen. «Wir», das ist das neue EAPPI-Team, das von Anfang Dezember 2015 bis Ende Februar 2016 in den Hügeln südlich von Hebron präsent sein wird. Yatta befindet sich in der Zone A, die im Prinzip ausschliesslich von der palästinensischen Regierung verwaltet wird, doch wir werden unsere Aktivitäten in der Zone C entfalten, die von der israelischen Armee verwaltet wird. Wir werden Familien begleiten, die in verschiedenen Dörfern eben dieser Zone ansässig sind und die in allen Bereichen ihres täglichen Lebens die Auswirkungen der Besatzung spüren: Zugang zu Wasser, Strom, Schulbildung, zu Feldern und Weidegründen, ganz abgesehen vom aggressiven Verhalten mancher israelischer Siedler.

Schon heute Nachmittag geht es nach Shi’b Al Butum; Gordon, Veronica aus dem alten Team und ich sitzen im Auto unseres Chauffeurs, das schon Einiges mitgemacht hat, doch diese Piste stellt es noch einmal auf eine harte Probe. Wir bemerken unterwegs sehr schöne Olivenhaine, die ausgesprochen gepflegt aussehen (wie fast alle Olivenbäume hier), ab und zu steht eine Reihe Weinreben dazwischen. Jedes Handtuch Ackerland, und wenn es noch so mager ist, wird bewirtschaftet, und wenn es zu klein für den Traktor ist, dann macht man es mit dem Esel, wie hier.

Wir müssen unbedingt bei Tageslicht am Ziel ankommen, das ist ganz wichtig, denn wir werden vor Ort eine kleine Runde drehen, damit uns die BewohnerInnen der israelischen Siedlung Avigayil, die ganz in der Nähe liegt, gut sehen können. Das heisst “protective presence” oder “schützende Präsenz” und gehört zu unseren Aufgaben.

Mohamed, der Familienvater, empfängt uns in einem grossen Zelt mit Zementboden; die Zeltplane ist rundum an einer ca 80cm hohen Steinmauer befestigt, das Zelt ist mit einem Vorhang in zwei Teile geteilt. Mohamed hat sechs Kinder zwischen ca. einem und elf Jahren; wir bemühen uns darum, mit ihm zu kommunizieren, doch da er kein Englisch spricht und wir kein Arabisch, ist das etwas frustrierend. Trotdem erfahren wir einen kleinen Teil seiner Lebensgeschichte: wie er seine Arbeitserlaubnis in Israel verloren hat, und wie er jetzt versucht, mit seiner Familie hier zu überleben, während die Siedler alles Mögliche unternehmen, um ihn zu verjagen. Zum Beispiel, indem sie nachts, wenn alle schlafen, mit dem knatternden Quad um sein Zelt kreisen. Einmal war seine Familie so verängstigt, dass er sie mitten in der Nacht nach Yatta geschafft hat, zusammen mit all seinen Tieren. Mitten in diesen steinigen Hügeln zieht er Schafe und Ziegen auf und ein paar Hühner; vier Säcke Weizenmehl, die er alle drei Monate von Action contre la Faim erhält, ermöglichen es ihm und seiner Familie quasi autark zu überleben.

Sein ältester Sohn serviert uns den dampfenden süssen Tee, und dann erscheinen nacheinander alle anderen Kinder, neugierig und lebhaft, freundlich und begierig, Neues zu lernen: wir hatten ein kleines englisch-arabisches Wörterbuch dabei, mit dessen Hilfe ich mich eine Weile mit zweien der schon schulpflichtigen Kinder beschäftige: sie sind begeistert, Buchstaben und Wörter zu entdecken, die sie schon gelernt haben, und helfen mir bereitwillig, einige Wörter aussprechen zu lernen. Währenddessen machen sich andere Kinder enthusiastisch mit der Kamera von Veronica vertraut … Etwas später erscheint die Mutter mit Fladenbrot, Olivenöl, Ziegenkäse, Oliven, etwas Rührei – köstlich!

Die Kinder betrachten unser Festmahl etwas sehnsüchtig, und natürlich bieten wir ihnen die Reste an, doch erstaunlicherweise nehmen sie diese nicht an, sondern räumen sie nur sorgfältig fort. Der älteste Sohn fegt den Boden, sobald wir mit dem Essen fertig sind. Zwei andere Männer erscheinen nach einer Weile, einer davon mit ganz erstaunlichen blaugrünen Augen, die sein typisch semitisches Gesicht erhellen; wir werden ihn bald wiedersehen … Die Gespräche sind etwas mühselig wegen der Kommunikationsprobleme, schade! Kurz nach 20 Uhr ziehen sich alle zurück, der Familienvater schliesst unser Zelt und geht mit seiner Familie in einer Grotte schlafen, die etwas unterhalb liegt (das ganze Camp liegt am Hang); auch Schafe und Ziegen übernachten in dieser Grotte – alles Lebendige wärmt. Wir packen uns in alles ein, was wir an Kleidung usw mitgebracht haben, inklusive der Decken, die man uns freundlich zur Verfügung gestellt hat. Weil wir uns dabei fast kaputtgelacht haben, sind alle Fotos unscharf geworden, so dass dieser Anblick der Nachwelt nicht mehr vermittelt werden kann, ein Glück!

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang werden wir vom Brummen des Traktors geweckt, bellenden Hunden, Eselschreien und Hühnergegacker. Sofort machen wir uns auf den Rundgang über die Hügel, die die kleinen Felder unten im Wadi umgeben; sie sind in das zartrosafarbene Licht der aufgehenden Sonne getaucht. Auf der gegenüberliegenden Seite pflügt ein Bauer sein Feld. Der Kontrast zwischen der Schönheit der Landschaft und der Armut, in der die Palästinenser leben, ist ergreifend – die scheinbare Idylle trügt: Lebensbedingungen sind extrem hart für alle hier, auch wenn es eine simple WC-Kabine gibt, die von der EU gestiftet wurde, einen rudimentären Stromanschluss und eine Ziterne, die von Comet-ME installiert wurde, einer israelischen Organisation, mit der wir ebenfalls zusammenarbeiten.

Während wir noch frühstücken, kommt plötzlich Mohamed angerannt, er ist sichtlich besorgt: israelische Soldaten in Sicht! Sofort verlassen wir das Zelt, angezogen mit unseren Spezialwesten EAPPI und bewaffnet mit Kamera und Notizblock. In der Tat, zwei israelische Armeejeeps kommen gerade den Hügel von der Siedlung Avigayil aus herunter. Sie verfolgen den Traktor, der so schnell wie möglich versucht, auf den gegenüberliegenden Hügel zu kommen (wenn der Traktor konfisziert wird, kann das sehr teuer werden!). Genau unter dem Camp neben den Wadifeldern, die schon gepflügt sind, halten die Jeeps an – dem Bauern ist es gelungen, seinen Traktor in Sicherheit zu bringen – drei schwerbewaffnete Soldaten steigen aus dem ersten Jeep und kommen auf uns zu. Der erste trägt Papiere unter dem Arm. Der andere Jeep mit seiner Besetzung bleibt währenddessen unten; die Soldaten beobachten aufmerksam die Szene, während die palästinensischen Männer, Frauen und Kinder sich um uns gruppieren. Die Situation ist angespannt, Emotionen der PalästinenserInnen spürbar.

Oben angekommen geht der Soldat den Papieren auf Veronica zu: «Woher kommen Sie?» Sie antwortet wahrheitsgemäss: « Ich komme aus England», woraufhin er antwortet: «Haben Sie nicht genug Terroristen in Ihrem Land?!» Dann wendet er sich an den Bauern, der den Traktor gefahren ist, es ist der Mann mit den hellen Augen. Sie beginnen beide Hebräisch zu sprechen, reden aufeinander ein, der Palästinenser spricht anscheinend fliessend Hebräisch. Zwischendurch richtet er sich an Veronica, die die Szene filmt: « Machen Sie gute Bilder und vergessen Sie nicht, sie auf Facebook zu veröffentlichen!» Der Soldat präsentiert die Papiere mit Karten und sagt dem Bauern, er hätte nicht das Recht, diese Felder zu pflügen, die zu nahe an der israelischen Siedlung liegen, er soll sich an ein anderes Areal halten … der Ton wird schärfer, denn der Palästinenser lässt sich nicht so leicht einschüchtern (Veronica flüstert uns zu, dass diese Haltung eher selten ist): er erklärt dem Soldat, dass diese Felder seiner Familie gehören, dass er sie letztes Jahr bewirtschaftet hat und dass er es auch in Zukunft tun wird. Die lebhafte Diskussion dauert noch eine Weile, bis der Soldat dem Bauern empfiehlt, seine Unterlagen, die die Besitzverhältnisse dokumentieren, dem DCO (District Coordination Office) vorzulegen, um seine Rechte zu belegen. Endlich gehen die Soldaten wieder! Die beiden anderen Soldaten haben während des ganzen Austauschs nichts gesagt; sie scheinen sich nicht sehr wohl zu fühlen – wir erinnern uns daran, dass die Mehrzahl der Soldaten ganz junge Wehrpflichtige sind (Drei Jahre Wehrpflicht für Männer, zwei für Frauen!). Sie haben einfach Angst und gehorchen den Befehlen, die man ihnen gibt.

Der Palästinenser hat keinesfalls die Absicht, im DCO-Büro vorzusprechen; das würde nur dazu führen, dass er festgenommen wird – das weiss er sehr genau, denn es ist ihm schon passiert. Er erzählt, dass er am Vortag von einem bewaffneten israelischen Siedler bedroht wurde, als er am Pflügen war. Doch ist er mit dem Traktor auf ihn zugefahren, um ihn ebenso zu bedrohen (!) – Festnahme, Palaver … Die Geschichte, die er erzählt, hört sich ziemlich unglaublich und gleichzeitig komisch an, denn letzten Endes gab es einen Deal zwischen den beiden Parteien: ok, wir lassen dich wieder frei, wenn du darauf verzichtest, den Siedler zu verklagen. Danach musste der Bauer natürlich wieder nach Hause, doch er hatte kein Geld dabei; beim Pflügen braucht man kein Geld… Laut Vorschrift muss die Armee die Person, die kein Geld hat, nach Hause bringen… dieser Palästinenser weiss Bescheid! Doch die Soldaten sagten zu ihm: «Soll das ein Witz sein, wir werden doch keinen ’service‘ für dich spielen!» (’service‘ = Kollektivtaxi). Daraufhin sagte er ihnen: «Ok, bringt mich nach Hause, dann bezahle ich euch!» Letztendlich brachten sie ihn nach Hause, und er konnte es sich nicht verkneifen, zu bemerken, dass sie doch Taxi für ihn gespielt hätten. Welch ein Humor in einer vollkommen absurden Situation!

In der Zwischenzeit ist unser Chauffeur angekommen; er nimmt sich Zeit für ein kleines Frühstück vor Ort und unterhält sich mit den Männern dieses Clans über die Vorkommnisse. Wieder wird Tee serviert; sofort danach Café, und endlich geht es wieder ‘nach Hause’, wo unsere KamaradInnen und eine lauwarme Dusche auf uns warten – Ende gut alles gut!

 

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Ein Gedanke zu „Aus dem Leben einer „ökumenischen Begleiterin““

  1. Hallo, es war schön, von einer/einem EA wieder mal aus Yatta zu hören. Ich war im letzten Winter da. Irritiert hat mich die Aussage zur Familiensituation von Mohammed, in Klammern (von einer einzigen Frau). Damit waren die sechs Kinder gemeint. Weisst du, ob viele Männer mehrere Frauen haben? Ist diese Aussage verifizierbar, mit Zahlen zu belegen. Ich fürchte, sie bedient einfach ein Klischee, dass in der arabischen Welt die Mehrfrauenehe noch gang und gäbe ist. In Gesprächen mit Arabern habe ich erfahren, dass mehr als eine Ehefrau zu haben, wirtschaftlich schwer zu bewältigen ist, weil jeder Frau ein Haushalt finanziert werden muss. Zudem heiraten heute viele fortschritlliche AraberInnen aus Liebe. Moderne Frauen würden kaum mehr eine Zweitfrau akzeptieren. Also Sorgfalt bei solchen Aussagen!!!
    Gruss – Edith Hausmann

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