Eine überraschende Solidaritätsaktion mit Ta’ayush

Unser Fahrer ist pünktlich! Das ist nicht immer der Fall, denn Zeit ist hier eine ganz andere Kategorie. Heute Morgen fahren wir wieder mit ihm in die Hügellandschaft südlich von Hebron. Nach einer halben Stunde Fahrt auf den löchrigen steinigen Pisten – die wunderbare neue Schnellstrasse muss er meiden, denn sie ist nur für Israelis, also benutzt er Sandpisten durch die Felder – erreichen wir einen flachen steinigen Hügel, bedeckt von spärlicher Vegetation. Der Fahrer lässt uns gleich neben einem palästinensischen Camp aussteigen, und er bittet uns, zu Fuss bis zum Treffpunkt weiterzugehen, auf den höchsten Punkt des Hügels, wo jede Woche eine ganz besondere Versammlung stattfindet. Das macht er häufig: er bleibt zurück, um jeglichen Kontakt mit Soldaten der IDF[1] zu vermeiden.

Nach ein paar Minuten zu Fuss befinden wir uns auf einer Art Anhöhe: wir entdecken auf einer Seite, im alten Wadi, kleine, sorgfältig gepflügte Felder; auf dem Hügel dahinter befindet sich ein israelischer Vorposten, das heisst eine einfache Siedlung, die sogar nach israelischem Gesetz illegal ist. Genau vor uns, auf der flachen Anhöhe, übersät mit Felssteinen und einigen kargen Pflanzen, stehen, etwas verstreut, drei israelische Militärjeeps mit den dazugehörigen schwer bewaffneten Soldaten, ca. 15 an der Zahl; einer lässt seinen Motor die ganze Zeit laufen. Ausserdem steht da ein grosses weisses Auto mit israelischer Nummer, dazu ein gutes Dutzend Kinder und junge Palästinenser mit ihren Eltern, Aktivisten von Ta’ayush (www.taayush.org), eine militante kleine israelisch-palästinensische Gruppe, die den Kampf der PalästinenserInnen gegen die Besetzung unterstützt, ein israelischer Kameramann und ein Mischlingshund unbekannter Herkunft, kurz, eine bunt zusammengewürfelte Gruppe.

Das Merkwürdigste ist, das all diese Leute sich offensichtlich nicht feindselig gesinnt sind: die Soldaten diskutieren miteinander, nonchalant an ihren Jeep gelehnt, manche langweilen sich ganz offensichtlich; ein junger Palästinenser tauscht, sehr diskret, ein paar Worte mit einem der Soldaten aus, der sich uns genähert hat – unmöglich zu verstehen, in welcher Sprache; die Jungen spielen Fussball, die Mädchen Humpelkasten (das Fels ist mit Steinen im Sand markiert); die Kleinsten wimmeln mit ihren Müttern um das improvisierte Feuer, auf dem ein Teekessel summt, naschen Kekse und etwas Obst.

Owner with isr fem soldiers

Sofort nach unserer Ankunft kommt der palästinensische Landbesitzer mit einer Thermoskanne auf uns zu, kredenzt uns Café und heisst uns herzlich auf Arabisch willkommen. Wir stellen uns vor: wir sind das neue EAPPI-Team. Die Mitglieder von Ta’ayush gesellen sich ebenfalls zu uns, angeführt von Ezra, dem ältesten, ein Israeli, der aus dem Iraq stammt; seine Kopfbedeckung ist das typisch palästinensische Keffieh-Tuch – in diesem Land ist vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint! Sie erklären uns, dass sie keine formelle Organisation sind, sondern eine lose Gruppe von AktivistInnen: jede(r) der an den Aktivitäten der Gruppe teilnimmt, ist in eben diesem Moment ein Mitglied.

Doch was ist das für ein merkwürdiges Ritual, an dem wir heute teilnehmen? Es handelt sich um eine sogenannte «Landaktion»: palästinensisches Land wird sehr leicht von Israel konfisziert und zu «Staatsland» erklärt, insbesondere, wenn die Besitzer nicht auf ihrem Ackerland wohnen, und das ist hier der Fall, denn der Landbesitzer wohnt in Yatta. Deshalb ist es ganz wichtig, dass der Besitzer regelmässig auf seinem Land erscheint, um zu zeigen, dass das Land ‘bewohnt’ ist und genutzt wird (mehr Information auf http://www.btselem.org). Dies ist das Ritual, das diese Grossfamilien hier seit 15 Jahren jeden Samstag Morgen zelebrieren: Frühstückspicknick im Grünen zusammen mit all den Menschen, die gekommen sind, sie zu unterstützen!

Abwesend sind jedoch die Protagonisten, die alle vielleicht am meisten fürchten: die SiedlerInnen. Heute ist Schabbat, und das ist ein Tag, an dem die Siedler ganz besonders gern gewalttätige Aktionen gegen die PalästinenserInnen unternehmen; wir erfahren, dass es gerade hier jahrelang zahlreiche gewalttätige Zusammenstösse mit den Siedlern gegeben hat, daher die Präsenz der Armee. Erst seit kurzem besteht scheinbar ein unausgesprochenes informelles Einvernehmen über «friedliche Koexistenz», doch dieser Scheinfrieden ist äusserst ‘brennbar’: die Situation ist ein Pulverfass, ein Funken könnte es jeden Moment zum Explodieren bringen.

soldier on stone

Die Szene, die sich unseren Neulingsaugen präsentiert, ist einfach unglaublich: die Kinder, die inmitten der schwerbewaffneten Soldaten spielen, der palästinensische Landbesitzer, der sich mit dem israelischen Kommandanten unterhält, scheinbar völlig entspannt, die «Internationalen» wie wir, die alles aufmerksam beobachten, sich angeregt unterhalten und dabei ihren süssen heissen Tee schlürfen… all dies vor der Nase der Siedler, die nur ein Ziel haben, sich mit allen verfügbaren Mitteln unter Missachtung sämtlicher nationaler und internationaler Gesetze und Konventionen eines Landes zu bemächtigen, das ihnen nicht gehört.

[1]    IDF: Israeli Defence Forces, israelische Armee

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