Firing Zone 918: Medienwirksame Zerstörungen

In meinem letzten Blog «Firing Zone 918: zwischen Rechtsstreit und harten Fakten», berichtete ich über unseren Besuch in Jinba Anfang Februar, über den endlosen Rechtsstreit und die kürzlich erfolgten Hauszerstörungen. Diese Ereignisse haben nicht nur ein Licht auf die prekäre Situation dieses Dorfes geworfen, sondern auch viele Fragen aufgeworfen, die die Rolle der Medien und journalistische Arbeitsweisen betreffen.

Am 2. Februar fahren wir mit dem Allradfahrzeug über steinige Pisten in den Süden der sogenannten «Firing Zone 918» (1), doch zwischendurch halten wir noch in Susiya, wo Aktivisten von B’Tselem, einige Journalisten und Photographen auf uns warten. Eine französische Journalistin steigt zu uns in den Wagen. Sie entfaltet eine kleine Landkarte, versucht sich zu orientieren; ganz offensichtlich ist sie nie hier gewesen. Dann telefoniert sie, um jemanden über ihren Standpunkt zu informieren; sie bemüht sich cool zu bleiben.

Gegen Mittag kommen wir in Jinba an; die israelische Armee hat den Schauplatz gerade verlassen. Die Zerstörung, die sich unseren Augen darbietet, macht uns sprachlos. Wir steigen aus dem Wagen und schauen uns erschüttert um. Trümmer von Häusern und Überreste von Wohnzelten, klapprige Möbel, Küchenutensilien und Bettzeug liegen überall herum. Verstörte und unter Schock stehende PalästinenserInnen betrachten, was von ihrem Zuhause noch übrig ist; sie wandern ziellos hin und her, manche werden plötzlich aktiv, suchen nach noch Brauchbarem, bringen in die Grotten, was nicht nass werden darf… denn Regenwolken drohen am tiefgrauen Himmel.

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Jinba, 2. Februar 2016 ©Veronika/EAPPI/2016

Die Ankunft der Medienschaffenden verändert die Szene schlagartig: sie überfallen das Dorf wie Raubvögel. In Sekundenschnelle haben sie ihre professionelle High-Tech bei der Hand, Mikrofone werden aus der Tasche geholt, Kameras, Fotoapparate. Sie stürzen sich auf die DorfbewohnerInnen, schätzen die Menschen ein: wer bringt mir den besten Scoop? Einige scheinen Arabisch zu sprechen, versuchen als Vermittelnde zwischen den Kulturen, den Schaden zu begrenzen, den der Überfall in diesen Familienstrukturen anrichten kann, die stark hierarchisch ausgerichtet sind. In Sekundenschnelle haben die Journalisten einen Mann identifiziert, der bereit ist, vor ihren Mikrofonen interviewt zu werden. In Sekundenschnelle haben sie eine ältere Frau in traditioneller Tracht gefunden, die ebenfalls Willens ist, mit ihnen zu sprechen; und da diese wirklich sehr zornig ist, spricht sie mit dem Pathos, das sich ganz besonders für die kurzlebigen Artikel eignet, die von den zeitgenössischen Medien für den Schnellkonsum gebraut werden.

Jinba, 2. Februar 2016 ©Veronika/EAPPI/2016
Jinba, 2. Februar 2016 ©Veronika/EAPPI/2016

Die Fotografen schiessen Fotos der Opfer aus allen Winkeln, wenn möglich vor den Trümmern ihrer Häuser, am besten mit Kindern, die die Szene mit erstaunt aufgerissenen Augen betrachten. Sie haben es ganz besonders auf das kleine blonde Mädchen mit den hellen Augen abgesehen, das so gar nicht in diese Umgebung zu passen scheint. Und dann ist da noch das Kleinkind, das unvermittelt anfängt zu weinen, scheinbar ohne Grund. Ein Kameramann kniet sich direkt vor ihn mit seiner riesigen Kamera auf der Schulter; er filmt ihn von einer Entfernung von ca. 1,5m, wedelt mit der Hand vor dem tränenüberströmten Gesicht des Kleinen, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und eventuell ein noch besseres Bild zu erzielen, doch der Kleine hört nicht auf zu schreien, bis seine Mutter ihn erlöst.

Jinba, 2. Februar 2016 ©Veronika/EAPPI/2016
Jinba, 2. Februar 2016 ©Veronika/EAPPI/2016

Eigentlich sollten wir hier Fakten sammeln, doch diese Vorstellung erscheint uns absurd in dieser Situation. Wir konzertieren uns, teilen einander unsere Eindrücke mit, loten unsere Gefühle aus im Angesicht dieser blanken Not. Wir können die DorfbewohnerInnen, die mitten im Winter vor den Trümmern ihrer Behausungen stehen, jetzt nicht bedrängen; wir können nicht einfach irgendwelche trockenen Zahlen notieren, die nichts aussagen über das Leid dieser Menschen. Sehr schnell einigen wir uns über unsere Aufgabe und über die Zurückhaltung, die hier geboten ist: Wir werden uns damit begnügen zu beobachten und sehr diskret ein paar Fotos machen; wir werden denjenigen, die mit uns sprechen möchten zuhören, und bewusst ganz einfach präsent sein, wache Zeugen, die die Würde der Opfer achten.

Eine Stunde später haben die JournalistInnen erreicht, wozu sie hergekommen sind; sie gruppieren sich kurz und tauschen, miteinander scherzend, unter sich die Fakten aus, die wir im Vorbeigehen aufnehmen: mehr als 15 Bauten zerstört (Wohn- und Küchenzelte, WCs), Solarpaneele konfisziert… einige dieser Strukturen sind Spenden internationaler Organe oder der Europäischen Union. Allein in Jinba sind mehr als 60 Erwachsene betroffen und mindestens 30 Kinder (die Hälfte der Bevölkerung von Masafer Yatta ist jünger als 16 Jahre). Die Zahlen von Halaweh und den kleineren Dörfern kommen noch hinzu…

Dieser Medienüberfall, der wie eine Welle das Dorf überrollt hat, hat uns sehr nachdenklich gemacht. Unsere Überlegungen kreisen um die Rolle der Medien in einer Katastrophensituation, denn diese Zerstörungen sind eine Katastrophe für diese Menschen. Es ist sicher schwierig, ein Gleichgewicht zu erzielen zwischen der Achtung, die man den Opfern schuldig ist, und den Aufgaben, die der Beruf diktiert, d.h. News zu produzieren, die für den sofortigen Verbrauch konzipiert sind, eine Art « fast food news». Doch trotz allem sollen diese News über eine Episode der palästinensischen Tragödie in der internationalen Gemeinschaft einen Widerhall finden. Das gehört auch zu unseren Aufgaben: die Allgemeinheit und die politischen Entscheidungsträger über die Situation in Palästina informieren, damit endlich eine mutigere Politik auf den Weg gebracht wird.

Die Neuigkeiten, die die Medien verbreiten, sind zwar per Definition kurzlebig, doch sie handeln von Ereignissen, die eine dauerhafte Wirkung haben werden und die im kollektiven Gedächtnis dieser Bevölkerung gespeichert werden, die nur Eines möchte: in Würde und entsprechend ihren uralten Traditionen auf ihrem eigenen Land leben.

Veronika, EAPPI 2016

(1) In dieser Gegend im Süden von Hebron gibt es einen Rechtsstreit, der die Gerichte schon seit fast 20 Jahren in Atem hält: Petitionen der Einwohner und Anordnungen des Obersten Gerichtshofs wechseln einander ab; das Gericht hat die Zerstörungen der Häuser und Zwangsräumungen mehrfach verboten, doch die IDF verfolgt ihre Ziele mit einer ihr eigenen ‘Logik’: sie will die palästinensische Bevölkerung aus der Firing Zone 918 in die Gegend von Yatta umsiedeln. Damit verletzt sie die IV. Genfer Konvention und die Konvention von Den Haag. Weitere Einzelheiten zur juristischen Lage hier: Firing Zone 918: Zwischen Rechtsstreit und harten Fakten

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3 Kommentare zu „Firing Zone 918: Medienwirksame Zerstörungen“

  1. Dear Veronika,
    I feel very sorry for what has be done to the people in Jinba. I met them quite some times, when I was in Yatta last winter. I feel shame for the way how the news are produced, with little sense towards the feelings of the people. After this whole lot of media people have left again they will feel as forgotten by the world as they did before, so they told us when we came to visit them. And I had no answer to this. Regards – Edith

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  2. Liebe Veronika,
    danke für deinen Bericht. Ja, vermutlich erlebt Ihr jetzt vermehrt eine verstärkte, reisserische Berichterstattung . Gut, dass Ihr als Eappi Leute ein Gegengewicht seid.Wenn es auch von aussen als ein Ungleichgewicht aussieht, Eappi ist treu und koninuierlich da, dabei.
    Take care. Salaam, shalom, Friede für alle.
    marie eve

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