Zwei Frauen, eine Geschichte …

Maliha hat ihr schönstes Kleid angezogen für unser Treffen; es ist lang und schwarz mit der typischen roten Stickerei auf der Brust und einer silbernen Bordüre an den langen Ärmeln. Ein einfacher schwarzer Schleier bedeckt ihren Kopf, jedoch nicht das freundliche Gesicht. Leider dürfen wir sie nicht fotografieren, doch das Bild der würdevollen älteren Frau, die uns ruhig gegenüber sitzt, werden wir sobald nicht vergessen.

Heute ist „Frauentag“ in Um Al Kher südwestlich von Yatta, gleich neben der grossen israelischen Siedlung Karmel[1]: meine Kollegin Isabel und ich sind gekommen, um mit Hilfe von Tariq, (einem jungen Mann, Mitglied der Familie, der perfekt Englisch spricht), zwei Frauen der Beduinengemeinschaft zu interviewen, die sich noch sehr gut an die „Naqba“ erinnern. Die Naqba ist die „grosse Katastrophe“ für die PalästinenserInnen, die 1948 stattgefunden hat, als fast eine Million Menschen von israelischen Streitkräften aus ihren Dörfern und Städten vertrieben wurde.

Maliha ist 1958 in Um Al Kher geboren, also 10 Jahre nach der Naqba, doch die Erzählungen über die Ereignisse, die in der Grossfamilie zirkulierten, haben ihre ganze Kindheit geprägt, so dass sie sich noch an viele Einzelheiten erinnert:

„Unsere Familie, die Beduinenfamilie Al Jahalin, kommt aus Arad, wo sie viel Land besass. Ursprünglich kam sie aus Jordanien; jahrhundertelang wanderte sie zwischen Jordanien und Palästina hin und her, es gab ja keine Grenzen. Im Winter waren wir sesshaft, im Sommer zogen wir mit unseren Tieren hin und her, um Grasland zu finden. Meine Familie hatte schon gelernt, Weizen anzubauen, der das Mehl für das tägliche Fladenbrot lieferte. Als meine Eltern sahen, was die Haganah in den benachbarten Dörfern anrichtete – ein Mitglied der Familie wurde sogar getötet -, beschloss sie, unverzüglich zu fliehen. Es war Herbst, sie flohen nordwärts, barfuss, mit Kind und Kegel, ohne etwas anderes mitzunehmen als die Kleidung, die sie auf dem Leib trugen; es ging alles sehr schnell, so schnell, dass eine Frau versehentlich ein Kissen mitnahm, weil sie ihr Kind darin wähnte…“

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Überreste eines zerstörten Brotofens. Dahinter die israelische Siedlung. ©Veronika/EAPPI/2016

Eine andere Familie floh südwärts, und kam später zurück. Deshalb sind die Mitglieder dieser Familie jetzt alle israelische StaatsbürgerInnen. Heute bedauert Maliha die schicksalhafte Entscheidung ihrer Familie, denn 1954 erhielten alle palästinensischen Beduinen die israelische Staatsbürgerschaft.

„Al Jahalin“ war ein guter Name, sagt sie, ein grosser Name, denn die Familie besass viel Land. Doch sie verfügte über keinerlei schriftliche Unterlagen, die den Besitz beweisen konnten; Dokumente waren bedeutungslos in einer Gesellschaft, die auf mündlicher Überlieferung beruhte. Jedermann wusste genau, wo sein Land anfing und endete, und keiner Familie wurde ihr Land streitig gemacht. Das Gesetz war ungeschrieben, denn die Menschen konnten weder lesen noch schreiben. Alles was Maliha weiss, sagt sie, sind Traditionen, die ihre Familie sie gelehrt hat.

Nach einer langen Wanderung, die die ganze Nacht und einen guten halben Tag dauerte, kam die Familie in Um Al Kher an, wo sie heute ansässig ist. Von hier aus kann man bei klarem Wetter die Hügel der Wüste Negev in der Ferne schimmern sehen – die Familie gibt die Hoffnung nicht auf, eines Tages ihr Land wieder zurück zu bekommen.

Sobald der Clan sich niedergelassen hatte, suchten die Männer Arbeit, denn es ging ums Überleben der ganzen Gemeinschaft! Sehr bald fanden sie eine Beschäftigung als Hirten für andere Bauern, denn das war eine Tätigkeit, die sie gut beherrschten – ein sehr schwerer Schritt für die Könige der Wüste: aus stolzen, unabhängigen Nomaden wurden armselige angestellte Hirten, die auf der letzten sozialen Stufe standen. Sie hatten das Gefühl, ihren Namen verloren zu haben.

Tariqs Bruder ist sehr stolz auf seine Herde.  ©Veronika/EAPPI/2016
Tariqs Bruder ist sehr stolz auf seine Herde. ©Veronika/EAPPI/2016

Ihr Gehalt wurde ihnen am Jahresende in Form von Tieren ausgezahlt: Kamele, Ziegen und Schafe. So kamen sie wieder zu Geld und Macht und konnten das Weideland für ihre Herden käuflich erwerben. Sie hatten das Gefühl, dass endlich ihre Ehre wieder hergestellt war. Heute besteht der Jahalin-Clan aus über 30 Familien. Maliha selbst hat 8 Kinder, 5 Mädchen und 3 Jungen, und 17 Enkelkinder, das jüngste ist gerade 10.

Das spielende Kind in Um Al Kher ahnt noch nicht, wie bedroht sein Zuhause ist. ©Veronika/EAPPI/2016
Das spielende Kind in Um Al Kher ahnt noch nicht, wie bedroht sein Zuhause ist. ©Veronika/EAPPI/2016

 

Nach einer kleinen Teepause werden wir zu Tariqs Tante Eidh gebracht.

Eidh ist warm angezogen, sie hat verschiedene Schichten Kleidung um sich drapiert, schliesslich ist es Winter! Sie weiss nicht genau, wann sie in Arad geboren wurde, vielleicht 1940? Sie spricht sehr laut, da sie ziemlich taub ist, springt von einem Thema zum anderen; sie fängt mit einem Scherz an: 1000 Shekel für ein Foto von mir! Aber das ist nicht ernst gemeint, auch sie will nicht fotografiert werden. Sie erkundigt sich nach unseren Herkunftsländern und unserem Alter, beginnt dann zu erzählen:

Mit 15 Jahren wurde sie mit einem 40jährigen Mann verheiratet. Ein grosses handgewebtes Zelt aus wasserdichtem Ziegenhaar, das jede junge Frau allein gewebt haben muss, brachte sie in die Ehe mit. Sie hat ihr buntes Zelt noch, es soll wunderschön sein, sie kann es uns aber nicht zeigen, da es aufwändig winterfest verpackt ist.

Ihr Bruder, Tariqs Vater, wurde genau bei der Ankunft des Clans in Um Al Kher geboren, seine Mutter war bei der Flucht hochschwanger gewesen. Es gab weder Essen noch Trinken, alle Brunnen waren leer, denn es war Ende des Sommers. Doch ihre Mutter, Tariqs Grossmutter, war eine kluge Frau: sie hatte einen kleinen Sack Weizen mitgenommen und mit dem Wasser einer kleinen Quelle, die ihr Mann gefunden hatte, buk sie daraus Fladenbrot, von dem sich die Familie eine Woche lang ernähren konnte. Sehr bald fand ihr Mann einen Arbeitsplatz in Yatta; der Arbeitgeber gab ihm einen ausreichenden Gehaltsvorschuss, so dass er seine Familie ernähren konnte. Schon 20 Jahre später, 1967, besass er 100 Kamele, 500 Ziegen und 500 Schafe, „ein Geschenk Allahs“ – niemand in der Gegend hatte so viel Vieh! – erinnert sie sich stolz. Für 100 Kamele kaufte er das ganze Land von und um Um Al Kher. Ab 1967 ging es aufwärts, es ging der Familie gut wie nie zuvor, sie war reich und angesehen.

Auch ihre Familie besass damals in Arad keinerlei Dokumente, die den Besitz ihres Landes belegen konnten, doch heute ist das anders! Heute haben sie alle ihre Unterlagen.

Eid blickt hinüber zu den Hügeln ihrer Heimat Arad. ©Veronika/EAPPI/2016
Eidh blickt hinüber zu den Hügeln ihrer Heimat Arad. ©Veronika/EAPPI/2016

 

Doch im November 1981 startete das israelische Militär den Bau eines Armeecamps auf dem Land der Familie Jahalin, baute eine neue Strasse und erzählte den Beduinenfamilien, diese würde sie mit der Stadt Beersheva verbinden; der Strassenbau brachte den Beduinen Arbeit und Geld. Danach kam ein Outpost mit Caravans, dann die Siedlung Karmel.

Ihr Vater und ihr Onkel Suleiman begannen um ihr Land zu kämpfen; Eidh selbst ging vielmals nach Hebron, um mit dem DCO[2] zu sprechen, sie sagte ihm: „Was ihr hier macht, ist illegal, das Land gehört meiner Familie!“ Ihr Vater beschäftigte vier Rechtsanwälte, um die israelische Siedlung zu verhindern. Es ging dabei um drei Klagen, die heute noch nicht abgeschlossen sind: Hauszerstörungen, Siedlungen, Landbesitz. Doch ungeachtet der ungeklärten juristischen Situation breitete sich die Siedlung immer weiter aus, während die Beduinen hilflos zuschauen mussten.

Heute unterliegen fast alle bescheidenen Behausungen des Ortes, darunter sogar das Taubenhaus, Zerstörungsbefehlen, da sie ohne Baugenehmigung[3] errichtet wurden; das bedeutet, dass jeden Moment die israelischen Bulldozer kommen können und sie niederwälzen, um Platz zu machen für die Vergrösserung der Siedlung Karmel.

Auch dieser originelle Taubenschlag kann jeden Moment zerstört werden.  ©Veronika/EAPPI/2016
Auch dieser originelle Taubenschlag kann jeden Moment zerstört werden. ©Veronika/EAPPI/2016

Ihr eigenes kleines Haus, eigentlich nur eine Wellblechhütte, liegt ganz nahe an der Siedlung, nur einen Steinwurf entfernt. Während des Fastenmonats Ramadan, wenn die Muslime abends gemeinsam feiern, werfen Siedlerkinder Steine auf das Wellblechdach – es macht einen fürchterlichen Krach.

Eidh fragt uns: „Stellt euch vor, ihr lebt auf eurem eigenen Land, das ihr rechtmässig erworben habt, und dann kommt die Regierung und nimmt es euch einfach weg?! Ist das legal, dass die israelische Armee plötzlich die Zelte einer ganzen Familie zerstört, alle ihre Lebensgrundlagen, Zugang zu Wasser und Nahrung für ihre Herden? Israel beschwört eine zweite Naqba herauf für all jene, die schon die erste durchlitten haben! Diese Besatzung ist Unrecht und muss aufhören! Wann wird die Welt endlich aufwachen und Israel in den Arm fallen? Oder wird sie wieder zuschauen wie bei der ersten Naqba?!“

Zerstörte palästinensische Behausung. ©Veronika/EAPPI/2016
Zerstörte palästinensische Behausung. ©Veronika/EAPPI/2016

Weitere Informationen:

https://eidworkshop.wordpress.com/my-home/

http://www.rebuildingalliance.org/

http://www.france-palestine.org/Les-Forces-de-l-Armee-Israelienne

[NB: Laut der 4. Genfer Konvention, der Konvention von Den Haag, dem Internationalen Gerichtshof und verschiedener Resolutionen der Vereinten Nationen sind sämtliche israelischen Siedlungen und Outposts in den besetzten Territorien Palästinas illegal.]

 

[1]    https://en.wikipedia.org/wiki/Carmel,_Har_Hebron

[2]    Die zivile Verwaltung auf der Westbank ist Aufgabe von neun israelischen Distriktkoordinationsbüros – District Coordination Offices (DCO). Diese Büros koordinieren sich mit der palästinensischen Autorität, die Area A eigenständig verwaltet und Area B teilweise (Oslo-Abkommen). Unter anderem entscheiden diese Büros über Bauanträge palästinensischer BürgerInnen in Area C.

[3]    http://www.nrc.no/arch/_img/9207734.pdf

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2 Kommentare zu „Zwei Frauen, eine Geschichte …“

  1. Auch Jordanien will und versucht Beduinen um zu siedeln. Mit ihren grossen Herden zerstören sie den bescheidenen Pflanzenwuchs in der Wüste. Israel ist doch kein Ethnologisches Museum. wieder einmal wird Israel einseitig verurteilt. Niemand regt sich über Jordanien auf. Komisch

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  2. Die EAPPI-Freiwilligen berichten von dem, was sie vor Ort, in Israel und Palästina, sehen und erleben. Über die Situation in Jordanien zu berichten, gehört nicht zu ihre Aufgaben, auch wenn es dort zweifelsohne auch Menschenrechtsverletzungen gibt.

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