Tagebuchnotizen der ersten Wochen

Seit drei Wochen bin ich jetzt in Palästina/Israel. Mit zwei Teammitgliedern, A. (GB) und Ch. (A) lebe ich zusammen mit der palästinensischen Bevölkerung für drei Monate in ihrem Dorf in Yanoun.

Yanoun liegt südöstlich von Nablus in einer ländlichen Region. Das Dorf hat 86 Einwohnende, welche von der Landwirtschaft leben. Tierhaltung (Schafe, Kühe, Ziegen, Hühner, Truthähne) und Agrikultur. Das Dorf ist umgeben von wunderschönen Landschaften mit Oliven – und Mandelbäumen, vielen Kräutern und exotischen Pflanzen.

Zu unseren Aufgaben in Yanoun gehören im Rahmen des EAPPI Programms des WCC 1) ausgedehnte Morgen – und Abendspaziergänge um gegenüber den umliegenden Siedlern Präsenz zu zeigen. Es fanden in der Vergangenheit immer wieder gewalttätige Übergriffe auf die Dorfbevölkerung statt. Seit EAPPI (Juni 2003) kontinuierlich präsent ist, fühlen sich die Einheimischen sicherer. In den letzten Wochen tauchten aber wieder vermehrt Siedler oder Soldaten im Dorf auf, glücklicherweise ohne dass es zu Konfrontationen kam.

Heute Samstag (Sonntag für die muslimische Bevölkerung) sind wir auf unserem Morgenspaziergang einigen Familien begegnet. Wir sind immer sehr willkommen, die palästinensische Gastfreundschaft ist sprichwörtlich. Unterwegs überholte uns ein Militärjeep und stoppte um uns zu fragen, was wir hier machen. Wir antworteten, dass wir hier sind um die lokale Bevölkerung zu schützen und Präsenz zu zeigen. Die Soldaten antworten freundlich, dass sie nicht verstehen können, weshalb die Yanouner/innen Schutz brauchen. Wir erklärten ihnen, dass es sonst zu Zwischenfällen mit den Siedlern kommen kann. Das Buch «Living with settlers», Interviews with Yanoun villagers, geschrieben von einem ehemaligen EA (Ecumenical Accompanier) und herausgegeben von www.eappi.org beschreibt eindrücklich die Geschichte des Dorfes seit 2002 in englischer Sprache und liefert ausreichend Gründe für unsere Präsenz.

Zu unseren weiteren Aufgaben gehören auch Einsätze in den Gemeinden zwischen Nablus und Ramallah. In den letzten zwei Wochen waren unsere Begleitungen und Besuche vielfältig und eindrücklich:

Treffen mit dem Major (Bürgermeister) von Bruqin und Kafr adDik

Er erzählte uns, dass sie unter den umgebenden Settlements und der sich ausdehnenden Industrie leiden, (Area C) 2). Die Siedlungen liegen auf den Anhöhen der umliegenden Hügelzüge und hätten recht aggressive Einwohnende. Ein grosses Problem seien ausserdem das Wasser und die Landkonfiszierungen 3). Die Israelis kontrollieren das Wasser, Palästinenser/innen erhalten bezogen auf die Einwohnerzahl 1/3 gegenüber den Siedlern.

Anschliessend Besuch bei einer Familie, deren Land offenbar konfisziert wurde

In der Nähe von Bruqin entstehen riesige industrielle Anlagen, wofür palästinensisches Land konfisziert wurde. Das Familienoberhaupt erzählte uns, wie eines Tages die Bauarbeiten auf seinem bis dahin noch nicht konfiszierten Land ausgedehnt wurden. Völlig schockiert ging er mit dem entsprechenden «Owner of Land»-Papier zu der zuständigen israelischen Sicherheitsbehörde. Diese forderte das Familienoberhaupt auf, am nächsten Montag wieder zu kommen, da jetzt Feiertage seien. Die Familie hat daraufhin beschlossen, direkt auf ihr Land zu gehen um das Bauen zu stoppen und bat uns, sie dabei zu begleiten. Nach einer umfassenden Risikoanalyse im Team haben wir uns entschlossen die Situation zu überwachen und Zeug/innen zu sein.

Das traditionell gekleidete Familienoberhaupt sagte uns zum Abschied, heftig mit seinem Stock auf den Boden klopfend: „Sie nehmen unser Land und so unser Leben.“

Treffen mit unserem regionalen Koordinator in Bruqin, um auf die Besitzerfamilie zu warten, damit wir sie auf ihr Land begleiten können

Natürlich gibt es wie immer Tee, Kaffee und Süssigkeiten während uns der Gastgeber von einem Ereignis erzählt: Fünf Kinder des Dorfes, 14/15-Jährige, erhielten nach seinen Angaben 15 Jahre Gefängnis und eine Busse von 45’000 Schekel, weil sie angeblich eine Siedlerin beim Steinewerfen tödlich verletzten. Laut Aussagen der Dorfbewohner/innen hätten zwar die Jungen Steine geworfen, aber die Frau nicht getroffen. Sie habe nach dem Vorfall einen Autounfall gehabt, aufgrund dessen Folgen die Siedlerin vier Jahre später starb.

Viele weitere ähnliche Geschichten haben wir bereits gehört. Am meisten betroffen machte es mich, wenn sie von Kindern erzählten, Kinder unter 16 Jahre, die offenbar nur auf einen Verdacht hin in Administrativhaft genommen werden, ohne Anklage oder Urteil. Man nennt das „Rehabilitation“. Die politischen Gefangenen sind ein aktuelles Thema in der Westbank. Seit dem 17. April sind über 1000 Gefangene im Hungerstreik.

Nach ausgiebiger Gastfreundschaft holte uns der regionale Koordinator ab, um die Familie zu begleiten. Wir standen auf einer Anhöhe, während die Familie (nur Männer) zu ihrem Land hinunterstieg. Es kamen zuerst der Unternehmer, dann der Siedlungssicherheitsdienst und dann das Militär. Wir fotografierten und filmten. Wir wurden beobachtet vom Militär und waren unter Anspannung und sehr aufmerksam um uns ggf. zurückzuziehen. Unser Koordinator kam zurück und berichtete, dass das Familienoberhaupt den «District Coordination Officer» (DCO) sprechen wollte, um ihm sein Landeignungsdokument zu zeigen. Es wurde ihm gesagt, er solle in zwei Tagen wiederkommen, der hätte jetzt frei. Ausserdem sei sein Land mittlerweile konfisziert.

© EAPPI2017

 «Demolitionorder» in Beit Dajan

Wir besuchen den Besitzer einer grossen Hühnerfarm (zwei Scheunen), seinen Sohn und einen Nachbarn. An der Wand der Scheunen hat das israelische Militär je eine «Demolition Order» aufgehängt. Das heisst, die Scheunen werden vom israelischen Militär abgerissen.  Die Hühnerfarm mit 5000 Hühnern ist die Lebensgrundlage von zwei Familien mit insgesamt 40 Personen.

Der Besitzer erzählt uns, er habe zuerst eine «Stop Working Order» erhalten, gegen die konnte er innert 40 Tagen rekurrieren. Mit Hilfe einer NGO hätten sie den Entscheid angefochten, was wie meistens erfolglos war. Die Familie würde nichts räumen, damit die israelischen Behörden viel zu tun hätten und natürlich, weil sie damit nicht einverstanden seien, es sei ja schliesslich ihr Land. Der Besitzer sagte weiter:

«Nach der Zerstörung würden sie noch am gleichen Tag wieder mit Bauen beginnen: Wiederstand ist Überleben.»

Von EAPPI haben sie bis heute noch nichts gehört, nach dem Lesen der entsprechenden Broschüren meinte der Besitzer, dass sie grossen Respekt und Dank für unser Engagement hätten.

© EAPPI 2017

Yanoun, 5. Mai 2017 MNA

 

 

 

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