Medizinische Friedensbrücke – Mobile Klinik der Physicians for Human Rights-Israel (PHRI)

(Beitragsbild: Dr. Ruchama Marton von Physicians for Human Rights, ©medico international schweiz)

 Zusammenarbeit EAPPI und Medico International Schweiz

Bereits vor meiner Abreise nach Palästina/Israel nahm ich Kontakt auf mit Medico International Schweiz. Auf ihrer Webseite entdeckte ich das Projekt der Ärzte/innen für Menschenrechte Israel, welches Medico International Schweiz unterstützt. Shirin Amrad, Projektverantwortliche für Palästina, vermittelte mir die entsprechenden Kontakte.

Das medizinische Personal an die Spitze setzen zur Verteidigung des Rechts auf Gesundheit

Dieses humanitäre Projekt ist während der 1. Intifada 1988 entstanden. Eine mobile medizinische Klinik fährt jeden Samstag in die Westbank und in den Gazastreifen und ermöglicht der Bevölkerung den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Es sind freiwillige medizinische Fachkräfte aus Israel, die an ihrem freien Tag gemeinsam mit ihren palästinensischen Berufskollegen/innen Konsultationen und Behandlungen durchführen. Auf der Webseite von PHRI lese ich, dass die Klinik die medizinische Arbeit mit dem Kampf gegen die Besetzung und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit verbindet.

Besuch der mobilen Klinik in As Sawiya 

An jedem Samstag ist dieses medizinische Angebot in einem anderen Dorf, heute ganz in unserer Nähe. As Sawiya (hat 2500 Einwohner/innen, liegt südlich von Nablus) kennen wir gut, da wir jeweils dreimal wöchentlich die Oberstufenschüler/innen auf ihrem Schulweg begleiten. «Protective Presence» nennt sich dieser Einsatz. Israelische Soldaten sind auf dem Schulweg schwer bewaffnet präsent und unsere Anwesenheit ist deshalb bei den Schüler/innen sehr willkommen.

Aber heute ist der Treffpunkt im Unterstufenschulhaus, dass zur medizinischen Klinik umfunktioniert wurde. Mein schwedischer Kollege und ich werden bereits von der medizini-schen Delegation erwartet. Zuerst gibt es eine offizielle Begrüssung durch Arafat, Mitglied des Gemeindeparlaments. Er stellt seine Gemeinde vor und schildert die täglichen Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind: Landkonfiszierungen, Übergriffe von Siedlern, beschränkter Zugang zu Wasser und Elektrizität und natürlich zur medizinischen Versorgung.

Der Zugang zu spezialisierten medizinischen Angeboten schildert Arafat als Hindernislauf. In Nablus und Ramallah hat es zwar Spitäler, aber die Strassen seien häufig blockiert oder es komme zu langen Wartezeiten wegen Kontrollen durch das israelische Militär. Arafat bedankt sich herzlich bei allen Anwesenden, die sich freiwillig für die Bevölkerung engagieren. Ganz besonders geht sein Dank an die mobile Klinik und das EAPPI-Programm für das Begleiten der Schüler/innen auf ihrem Schulweg, wodurch sie sich viel sicherer fühlten und weniger Angst haben müssten. Dann übergibt er das Wort an Salah Haj Yahya, den Direktor der mobilen Klinik, der sich an die anwesenden medizinischen Fachkräfte richtet, leider in Arabisch und Hebräisch, weshalb ich den Worten nicht folgen kann. Zu den anwesenden Fachbereichen gehören Neurologie, Pädiatrie, Orthopädie, Innere Medizin, Familienmedizin und Physiotherapie. Pflegefachpersonen und Übersetzerinnen ergänzen das interprofessionelle Team.Foto MNA, ©EAPPI 2017

Aber es ist jetzt auch höchste Zeit die Patienten/innen nicht mehr länger warten zu lassen und es wird organisiert, wer zu welchem Spezialisten oder zu welcher Fachärztin oder Physiotherapeutin eingeteilt wird und in welchem Raum die Konsultation stattfindet.

Die wartenden Frauen und Kinder sind dankbar für einige Minuten Abwechslung und das geht erstaunlich gut mit meinen spärlichen Arabischkenntnissen. Ballone, um mit Kindern zu spielen, habe ich immer dabei. Manchmal setzen wir uns auch einfach zu den Wartenden und sind bei Bedarf für sie da.

Die Apotheke wird unterdessen aus dem Bus geholt um sie in einem Unterrichtszimmer einzurichten. Der Andrang ist gross.

In der Zwischenzeit besuche ich die Physiotherapeutin, die mir erzählt, dass sie Israelin sei und diesen Einsatz aus humanitären und politischen Gründen freiwillig mache. Sie ist spezialisiert auf Neurorehabilitation in der Pädiatrie. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört die Arbeit mit Mutter und Kind, das Anleiten von Übungen und das Beraten von komplexen Alltagssituationen zu Hause. Manchmal gehe es aber auch einfach darum da zu sein, zuzuhören, da seien ihre Arabischkenntnisse sehr wertvoll. Die Menschen seien ständigen Belastungen ausgesetzt, was sich auf ihre Gesundheit auswirke. Mütter als tragende Seele der Familie würden häufig hintenanstehen, weil sie sich immer zuerst um ihre Kinder sorgten.

Foto MNA, ©EAPPI 2017

Zugang zur medizinischen Versorgung für Frauen

Erfahrungen der ersten Jahre zeigten, dass Frauen vom eigentlichen medizinischen Angebot der mobilen Klinik ausgeschlossen waren, weil sie, laut Salah Haj Yahya, sobald sie im Konsultations-zimmer waren über die Probleme mit ihren Familien sprachen und nicht über ihre eigene Gesundheit. Als Antwort auf diese Herausforderung entwarf Dr. Ruchama Marton ein spezielles Modell von „Frauen-medizinischen Tagen“, das seit 15 Jahren erfolgreich umgesetzt wird.

Ein interprofessionelles Team von Ärztinnen, Pflegefachfrauen, Apothekerinnen und Übersetzerinnen kehrt zu demselben Dorf für drei Samstage in Folge zurück und arbeitet eng mit einer örtlichen Frauenorganisation zusammen, damit sie die Situation der Frauen weiterhin überwachen.

EAPPI arbeitet mit vielen israelischen und palästinensischen NGO zusammen. Diese Vernetzung von Ressourcen und Wissen ist sehr gewinnbringend für alle Beteiligten. An der mobilen Klinik beeindruckt mich, dass sich Israelis und Palästinenser/innen kennenlernen, Vertrauen aufbauen und Gräben überwinden können.


Hintergrundinformationen

Das palästinensische öffentliche Gesundheitssystem unterliegt aufgrund der israelischen Besetzung drastischen Einschränkungen und ist von Problemen der territorialen Diskontinuität geprägt. Zwischen den drei Territorien – die Westbank, der Gazastreifen und Ostjerusalem – gibt es viele geographische Hindernisse wie bspw. Checkpoints, Strassenblockaden und es braucht Genehmigungen um ausserhalb der Palästinensergebiete  medizinisch versorgt zu werden. Diese Bewilligungen sind nicht einfach zu erhalten. Ungefähr 20 % aller Gesuche werden abgelehnt, nach teilweise viel zu lange dauernden bürokratischen Aufwendungen. Weitere Herausforderun-gen sind der Mangel an pharmazeutischen Produkten und vor allem professionelle Kenntnisse und Fähigkeiten um fortgeschrittene medizinische Verfahren durchzuführen.

Quelle: Denied 2 | A 2016 PHRI Report on Medical Entry Permits


http://www.phr.org.il/en/

https://www.youtube.com/user/PHRIsrael 

Yanoun, 6. Juni 2017 MNA

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s