An Nabi Saleh – “We refuse to die in silence”

Beitragsfoto Bilal Tamimi, @eappi2017

Ich war bereits einmal zu Besuch in An Nabi Saleh. Damals wurden wir von Bilal und Manal Tamimi empfangen. Das Ehepaar gehört zu einer grossen Familie, die alle führend engagiert sind in der Protestbewegung ihres Dorfes. An Nabi Saleh liegt etwa 30 km nordwestlich von Ramallah und zählt 620 Einwohnende. An Nabi Saleh ist bekannt, weil das ganze Dorf seit 2009 jeden Freitag friedlich für ihre Wasserquelle demonstriert. Der Konflikt begann 1976, nachdem Siedler begannen, auf ihrem Land Häuser zu bauen und dabei vom israelischen Militär beschützt wurden. Seither hat An Nabi Saleh zwei Drittel seines Landes verloren. Als ihnen die Siedler 2009 die Wasserquelle wegnahmen, begann das Dorf mit ihrem gewaltfreien Widerstand.

Manal und Bilal erzählen:

„Zu Beginn erreichten wir mit unserem Protestmarsch die Quelle, doch eine Gruppe bewaffneter Siedler von Halamish begannen uns mit Steinen zu bewerfen und auf uns zu schiessen. Die Soldaten waren schnell da und unterstützten die Siedler. Als unser Protest grösser wurde, begannen die Soldaten, uns mit Tränengas und Gummigeschossen zu bewerfen und uns ins Dorf zurückzudrängen. Dann schlossen sie immer wieder die Schranke am Eingang des Dorfes neben ihrem Militärstützpunkt, manchmal von 6:00 bis 20:00 Uhr, niemand durfte das Dorf verlassen oder ins Dorf kommen. Das beeinträchtigte auch fünf andere Dörfer.

Wir marschierten weiterhin jeden Freitag in Richtung der Quelle. Meistens begleiteten uns israelische NGOs (Nichtregierungsorganisationen) zu den Demonstrationen. Auch internationale Aktivisten/innen waren häufig präsent, aber mittlerweile sind sie starkem Druck seitens Israel ausgesetzt und es kommen weniger. Die Zahl der teilnehmenden Palästinenser/innen aus anderen Dörfern hat auch abgenommen, weil viele im Gefängnis sind und in ihrem eigenen Umfeld gegen die Besetzung engagieren.

Die Armee hatte mit der Zeit den Kampf ins Dorf gebracht, uns von Beginn an zurückgedrängt. Sie begann Gas-Kanister in die Häuser zu werfen, was immer wieder zu Bränden führte. Sie versprühten Wasser mit irgendeiner chemischen Flüssigkeit darin, die stinkt wie tote Tiere.

Tränengas drang auch in die Häuser, besonders die Kinder leiden stark darunter. Es ist uns nicht erlaubt Gasmasken zu tragen. An einem Freitag zählten wir 1’500 Granaten, die das Militär während der Demonstration schoss. Einige davon haben wir aufgehängt.

Foto Paal, @eappi2017

Dann kamen sie auch nachts, sie gingen in alle Häuser des Dorfes. Sie weckten uns alle, auch die Kinder. Dabei hielten sie die Gewehre auf uns gerichtet. Sie fotografieren alle, nahmen die persönlichen Daten auf, wollten alle Informationen von den Kindern wissen. Sie machten Bestandsaufnahmen der Häuser, bspw. wie viele Türen und Fenster befinden sich im Haus und wo sind sie angebracht. Wir betrachten das einerseits als eine Art kollektiver Bestrafung und anderseits wissen sie so genau, wie sie uns auch in den Häusern angreifen können. Ein anderes Mittel dieser kollektiven Bestrafung ist, dass wir keine Erlaubnis mehr haben neue Häuser zu bauen oder die bestehenden zu erweitern, unsere Familien werden aber grösser. Aktuell haben wir Abbruchanordnungen für 13 Häuser.

Seit 2009 wurden ungefähr 550 Einwohner/innen verletzt, einige getötet, 210 Personen wurden verhaftet und sassen für Monate oder Jahre im Gefängnis, darunter sind 40 Kinder, 10 unter 18 Jahren alt, 10 unter 15 Jahren. Aktuell sind zwei Kinder, 13- und 14-jährig im Gefängnis wegen Steinewerfen. Ihnen stehen Geldstrafen und Gefängnis bis zu 5 Jahren in Aussicht. Letztes Jahr haben wir unsere Protestmärsche vorübergehend gestoppt, weil 22 Personen verhaftet und 15 Personen durch Schüsse verletzte wurden.

Dann zeigen uns Bilal und Tamal Videos von den Demonstrationen. Als ich sah, wie fünf Soldaten einen fünfjährigen Jungen festnahmen, wusste ich, ich muss wiederkommen und eine Mutter interviewen.

Interview mit Manal Tamimi 10. Juni 2017

Foto Bilal Tamimi, @eappi2017

Manal ist Mutter von vier Kindern, Mitglied der Widerstandsorganisation PSCC (Popular Struggle Coordination Committee) und beratende Führungsperson des Widerstandsausschusses, welcher die meisten gewaltfreien Aktivitäten gegen die Besetzung in der Westbank koordiniert, die letzte war der Hungerstreik der Gefangenen.

Was bedeutet für Sie die Wasserquelle?

„Die Wasserquelle ist ein Symbol der Besetzung. Wir haben nur noch während 12 Stunden/Woche Wasser und bezahlen viermal so viel wie die Siedler. Die Israelis kontrollieren alles in unserem Leben, nicht nur das Wasser und die Elektrizität, sondern die ganze Wirtschaft. Sie konfiszieren unser Land, bauen Siedlungen darauf, sie enteignen unsere natürlichen Ressourcen, zerstören viele Häuser. Wir brauchen für alles Genehmigungen, können nicht frei reisen, treffen überall auf bewaffnete Soldaten, die uns kontrollieren. Es sind die Mauern, Zäune und Gefängnisse, die täglichen Demütigungen, die uns das Leben schwermachen und das nun seit 50 Jahren.“

Sie nehmen Ihre Kinder mit auf die Demonstrationen. Da ich selber Mutter bin, kann ich mir vorstellen wie schwierig das ist. Einerseits stärken sie ihre Kinder, für Gerechtigkeit einzustehen, auf der anderen Seite müssen sie bei jedem Protestmarsch Angst um sie haben.

„Ja, das ist sehr schwierig, aber das ist unser Leben. Die Kinder sehen die Soldaten fast jeden Tag, sie haben gesehen, wie sie mich verhaftet haben, wie 40 Soldaten ins Haus kamen. Sie haben gesehen, wie sie mich geschlagen und gefesselt haben. Ich bin eine Mutter und ich möchte natürlich nicht, dass meine Kinder verletzt werden oder ihnen etwas passiert, aber ob sie dabei sind oder nicht, sie sind dieser Gewalt ausgesetzt. Soldaten schiessen auch in die Häuser. So ist es besser zu lernen, wie man mit dieser Gewalt umgeht und für seine Rechte einstehen kann. Wie man stark werden, an die Freiheit, an die Menschlichkeit, an die Gerechtigkeit glauben und daran arbeiten kann.

Ich sage meinen Kindern, dass sie nicht die Menschen hassen sollen auch nicht ihre Religion. Sich gegen die Besetzung stellen ja, aber sie sollen auch die Rechte der anderen respektieren.

Ich reise viel ins Ausland, um über unser Leben zu berichten, was es bspw. für Kinder heisst, unter Besetzung zu leben. Fast überall wo ich eingeladen bin, werde ich gefragt: «Warum bringen sie ihre Kinder in Gefahr»? Ich antworte dann, dass ich keine andere Wahl habe. Ich habe gelernt mich nicht darum zu kümmern, wenn andere mich kritisieren, weil sie nicht mein Leben leben müssen.“

Haben Sie Angst?

„Ich habe Angst, natürlich, ich bin ein menschliches Wesen. Speziell vor den Demonstrationen oder wenn ich sehr nahe bei den Soldaten stehe. Ich habe dann nicht nur Angst um mich, sondern um meine Kinder und meinen Mann und überhaupt die Familie um mich herum. Das wichtigste ist die Kontrolle über die Angst, ich meine, wie gehe ich damit um, damit die Angst nicht lähmt.

Wir haben auch unsere Kinder gelehrt, sich nicht zu schämen, wenn sie Angst haben. Gleichzeitig sollen sie aber auch nie ihren Glauben verlieren, sondern für ihr Recht einstehen. Immer vor den Demonstrationen haben wir ein Ritual, eine stille Zeit zusammen, wir sagen uns auf Wiedersehen, wir wissen, dass wir vielleicht nachher nicht mehr alle da sind. Unter der Besetzung riskierst du dein Leben.“

Ist es schwierig nach so vielen Jahren weiter zu kämpfen?

„Wir erleben jeden Freitag mit welcher Härte das Militär versucht, uns zu stoppen und gerade das motiviert uns dazu, weiterzumachen. Aber auch wenn wir den Protest stoppen würden, die Soldaten sind praktisch jede Nacht im Dorf. Vor drei Tagen kamen sie am frühen Morgen während wir schliefen und versprühten Tränengas, warfen Gaskanister in die Häuser. Also auch wenn wir nichts tun, werden sie weiterfahren. Es ist Besetzung, sie wollen uns das Leben schwermachen, damit wir wegziehen. Dabei sind wir seit jeher hier, nicht wie die Siedler, wir haben Geschichte, gewachsene Kultur.“

Was machen Sie als Frauenaktivistin?

„Ich bin immer wieder auf Reisen im In- und Ausland um andere Aktivisten/innen zu unterstützen, indem ich von meinen Erfahrungen erzähle, Frauen ermutige und Netzwerke zusammen mit anderen aufbaue.

Das schwierigste ist, eine palästinensische Frau, eine palästinensische Mutter, eine palästinensische Aktivistin unter Besetzung zu sein. This it’s like mission impossible! Die Mutter ist das Zentrum der Familie, sie ist wie eine Sonne, die allen warm gibt. Wenn sie schwach ist oder Angst hat oder gestresst ist, beeinflusst das die ganze Familie, sie würden das Leben unter der Besetzung nicht schaffen. Ich würde mir wünschen ein normales Leben zu führen, mich um das Essen für die Kinder kümmern, mich mit ihren Hobbys auseinandersetzen oder was sie in Zukunft machen möchten. Mein ältester Sohn wollte Hotelmanger werden und in Jerusalem die Ausbildung machen, aber es wurde ihm nicht erlaubt, weil er an den Demonstrationen teilgenommen hat.

Ich hatte nie diese Selbstdiskussion mit mir selber, ob ich Widerstand machen soll oder nicht, obwohl ich viele Familienmitglieder verloren habe, weil sie vom Militär erschossen wurden. Wir opfern unser Leben für ein freies Palästina und ein besseres Leben. Ich möchte, dass meine Kinder ein besseres Leben haben. Ich glaube fest, dass die palästinensische Mutter ein Vorbild für ihre Kinder ist. Als wir unseren gewaltfreien Widerstand begannen, war es nie eine Frage, ob Frauen partizipieren sollen. Unsere Frauen wurden bald ein Vorbild für Selbstvertrauen und Motivation für Frauen in anderen Dörfern.“

Was ist ihre Hoffnung für die Zukunft?

„Ich hoffe, dass diese Besetzung bald ein Ende hat.

Ich hoffe, dass die Kinder nicht den Preis bezahlen müssen für die Wahl der Eltern, gegen die Besetzung Widerstand zu machen.

Ich hoffe, dass die ganze Welt ihre Augen öffnet und versteht, weshalb wir widerstehen. Wir sind keine Terroristen/innen, wir stehen nur für unsere Rechte ein. Sie sollten das Leben der Palästinenser/innen sehen, erfahren was es heisst unter Besetzung zu leben.

…und bitte erzählt allen von unserem Leben hier.“

Yanoun, 19. Juni 2017 MNA

Literatur:

Ben Ehrenreich: ‘Mehrere Jahre immer wieder’ und ‘The way to the spring: Life and death in Palestine’

Filme:

‚Even though my Land is burning‘, Regisseur Dror Dayan

‘Radiance of Resistance’, Colten Tyler Williams

 

 

 

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Ein Gedanke zu „An Nabi Saleh – “We refuse to die in silence”“

  1. Herzlichen Dank für diesen Bericht und das Interview mit Manal Tamimi !
    Dazu zwei Ergänzungen:
    – Das Buch von Ben Ehrenreich ist auch in deutscher Sprache erhältlich: «Der Weg zur Quelle. Leben und Tod in Palästina». Hanser Berlin 2017.
    Am 29. Juni 2017 wurde das Buch in der Kontextsendung von Radion SRF 2 Kultur durch die Journalistin Bernadette Conrad vorgestellt:
    https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/dem-tod-trotzen.
    – Den eindrücklichen Film von Dror Dayan hat das Café Palestine Zürich am 1. Mai Fest 2017 in Zürich gezeigt. Bei Interessse anderer Grupppen / Organisationen für eine Vorführung können wir gerne den Kontakt zum Regisseur Dror Dayan herstellen. info@cafe-palestine.ch

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