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Ein nicht so friedliches „Freitags-Gebet“

Für MuslimInnen ist das Freitagsgebet etwa das Gleiche, wie bei uns der Sonntagsgottesdienst. Von unserem Kontakt in Al Mughayyir hatten wir erfahren, dass am Freitag ein ganz spezielles Freitagsgebet auf dem Feld ausserhalb des Dorfes stattfinden soll. Mit dem Gebet soll, so wurde uns gesagt, auf friedlichem Weg gegen den neuen Israelischen Outpost 1) auf dem Hügel zwischen Al Mughayyir und Ein ar Rashash 2) protestiert werden. Dieser illegale Outpost wurde, wie uns unser Kontakt mitteilte, am Sonntag vorher ( 19. März 2017) von Siedlern auf dem Land der palästinensischen Dörfer Kafr Malik und Al Mughayyir neu errichtet. Er besteht aus einem grossen Unterstand für Schafe und anderen Installationen.

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Neuer Outpost; 24. März 2017; EAPPI-HpH

Um einen Eindruck von der Situation vor Ort zu bekommen, fuhren wir hin. Auf dem Dorfplatz hatte sich bereits eine Gruppe von Männern und Jugendlichen eingefunden, um mit Autos und geländegängigen Fahrzeugen aufs Feld hinaus zu fahren. Auch der Palästinensische DCO (District Cordinator Officer) , Presseleute und andere internationale BeobachterInnen trafen auf dem Platz ein. Einige der Männer trugen einen massiven Stock mit sich, einige Jugendliche trugen Steinschleudern und ab und zu war auch eine weisse Gesichtsmaske zu sehen. Die meisten der Männer aber waren ohne weiteres Zubehör auf dem Platz. Als dann jedoch auch noch ein Ambulanzfahrzeug auftauchte, war klar dass dieses „Gebet“ wohl nicht ohne „Nebengeräusche“ bleiben wird.

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Dorfplatz Al Maghayyir; 24.03.2017; EAPPI-HpH

Wir reihten uns am Schluss der Fahrzeugkollonne ein. Auf dem Feld angekommen, sahen wir etwa zwei- bis dreihundert Menschen auf dem Hügelrücken zum Outpost hin versammelt. Sie hielten vorerst einen Abstand von ungefähr 200 Metern zum Outpost zuoberst auf dem Hügel und zu den Soldaten, die zum Schutz der Siedler aufgeboten worden waren. Wir konnten etwa sechs Armeefahrzeuge und ungefähr fünfzehn bis zwanzig Soldaten erkennen.

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Auf dem Feld bei Al Maghayyir; 24. März 2017; EAPPI-HpH

Langsam setzte sich der Protestzug, zu dem sich die „Gebetsgemeinde“ gewandelt hatte, Richtung Outpost in Bewegung. Sobald die Spitze des Zuges sich auf etwa 150 Meter an die Soldaten auf dem Hügel angenähert hatte, ging ein Regen von Tränengasgranaten auf die protestierenden Menschen nieder.

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Tränengas-Beschuss; 24.03.2017; EAPPI-HpH

Alle rannten auseinander aber einige fielen hin und kämpften mit Atemnot und wurden ohnmächtig. Sänitäter versuchten zu helfen und die am schlimmsten Betroffenen wurden in das Ambulanzfahrzeug verladen. Wir trafen auf einen Sanitäter, der durch ein Gumimantelgeschoss am Bein verletzt wurde.

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Prellwunde durch Gummimantel-Geshoss; 24.03.2017; EAPPI-HpH

Er erklärte uns, dass einige der Protestierenden durch solche Geschosse verletzt worden seien. Die Protestierenden versuchten immer wieder etwas vorzudringen – aber es war klar zu erkennen, dass pure Verzweiflung über die ungerechte Situation sie antrieb und es war klar, dass mit dem Einsatz von Tränengas und Gummimantel-Schrot diese Auseinandersetzung sehr einseitig war. Die geschleuderten Steine konnten nicht einmal die halbe Distanz zu den Soldaten überwinden und man kann sich gut vorstellen, wie gross die Frustration der Protestierenden war, die ihr Land reklamierten und ihre Ohnmacht erkennen mussten. Während ungefähr anderthalb Stunden lösten sich ruhige Phasen mit agressiven Phasen und Wellen von Tränengaseinsätzen (mit Gummimantelschrot-Beschuss) ab. Ein Stapel in Brand gesetzter Autoreifen liess eine schwarze Rauchwolke ohne weitere Wirkung aufsteigen.

Nach einiger Zeit erschienen Armee-Jeeps aus beiden Seiten der Zufahrtstrasse zum Feld. Der Protest begann sich aufzulösen und die Soldaten liessen die Protestierenden passieren ohne dass wir weitere Auseinandersetzungen bemerken konnten.

In einem Beitrag von Ma’an News vom 24. März 2017 3) wurde das Ereignis (meine auszugsweise Übersetzung) unter anderem folgendermassen geschildert:

„Der Marsch setze sich in Bewegung, hin zum Land, das mit Konfiskation bedroht ist und auf dem Israelische Siedler einen illegalen Outpost in Vorbereitung einer neuen Siedlung errichtet haben. Während Israelische Kräfte auf die Protestierenden schossen, schleuderten Jugendliche Steine gegen die bewaffneten Soldaten.

Ein Israelischer Armesprecher sagte Ma’an:

“ Heute früh hat ein gewalttätiger Aufstand stattgefunden, mit mehr als 500 Aufständigen, die Autoreifen angezündet haben und Steine gegen die Israelischen Kräfte geschleudert haben. Die Kräfte benutzten Aufstand- zerstreuende Methoden als Reaktion auf die direkte Bedrohung ihres Lebens.“

Israelische Kräfte sind unter heftige Kritik von [Menschen-]Rechtsgruppen geraten, weil sie gefährliche und tödliche Methoden verwenden, um Ansammlungen zu zerstreuen, wo diese ohne Verwendung von scharfer Munition hätten kontrolliert werden können.

Zusammengefasst ergibt sich folgender Sachverhalt: Israelische Siedler annektieren ein beträchtliches Stück Land im besetzten Territorium, bauen darauf einen grossen Schafstall mit dem nötigen Zubehör und beabsichtigen das umgebende Land als Weidefläche für über hundert Schafe zu nutzen. Dieses Land gehört aber seit Generationen der lokalen Bevölkerung. Die Annexion ist gemäss der Vierten Genfer Konvention illegal. Die internationale Gemeinschaft ist nicht in der Lage, dem Recht Achtung zu verschaffen. Die lokale Bevölkerung wehrt sich deshalb mit den ihr zur Verfügung stehenden, schwachen und untauglichen Mitteln. Sie wird darum als aggressiv und gefährlich dargestellt.

An einer Mauer in Yanoun steht in Englisch der Satz: „Der letzte Tag der Besetzung ist der erste Tag des Friedens“

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Yanoun; 06.02.2017; EAPPI-HpH

Hat nicht schon Friedrich Schiller in seinem „Willhelm Tell“ die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Staatsterror und Terror als Freiheitskampf gestellt?

1) https://en.m.wikipedia.org/wiki/Israeli_outpost
2) Google Earth 32;01’N 35;22’E
3) https://www.maannews.com/Content.aspx?id=776095

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Kontraste

Nur etwa 60 Kilometer Luftlienie trennen das Flüchtlingslager 1) Balata bei Nablus und die moderne Grosstadt Tel Aviv. Dazwischen liegen aber unsichtbare und sichtbare Hindernisse, die es den BewohnerInnen dieser Orte praktisch unmöglich machen, den jeweils andern Ort zu besuchen.

An einem Sonntag hatten wir Gelegenheit, Balata zu besuchen – am darauf folgenden Montag durfte ich frei und ungehindert nach Tel Aviv reisen. Ich erlebte Kontraste, die zu denken geben:

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Balata Camp / März 2017 / ©EAPPI-HpH

Unser Führer von PROJECT HOPE erklärte uns, dass in Balata etwa 30’000 bis 35’000 Menschen auf 0,25 Qudratkilometer Fläche leben würden. Im Durchschnitt ergibt das 30 bis 35 Menschen, die in einem Haus zusmmen gepfercht sein müssen.

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Tel Aviv / März 2017 / © EAPPI-HpH

Tel Aviv ist eine stark expandierende, moderne und sehr westlich wirkende, quirlige Grosstadt. Im Reiseführer lese ich, dass die Stadtverwaltung die Maximalhöhe für Gebäude aufgehoben habe, weil sonst zuwenig Baufläche für die Weiterentwicklung zur Verfügung stünde …

… in Balata  ist der Lebens- und Spielraum für Kinder unvorstelbar eingeschränkt,

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Balata-Camp / März 2017 / © EAPPI-HpH

… während in Tel  Aviv Alt und Jung grosszügige Grünflächen zur Verfügung stehen.

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Freizeit- und Erholungspark in Nord-Tel Aviv / März 2017 / © EAPPI- HpH

Fast täglich gibt es in Balata irgendwo Auseinandersetzungen und Schusswechsel (meist zwischen rivalisierenden Gangs) und man kann sich gut vorstellen, was das in diesen engen Gassen bedeutet. Wir hörten, dass sich die palestinänsische Polizei „grösste Zurückhaltung“ beim Eindringen in dieses Labyrint von Gassen auferlege.

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Im Zentrum von Balata / März 2017 / © EAPPI-HpH

In Tel Aviv hingegen konnte ich mich so frei und unbesorgt bewegen, wie zum Beispiel in Zürich.

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Im Yachthafen von Tel Aviv / März 2017 / © EAPPI -HpH

In Balata werden die jungen Männer, die „für die Freiheit Palästinas“ umgekommen oder ins Gefängnis gekommen sind verehrt,

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Verehrungstafel in Balata / März 2017 / © EAPPI-HpH

…während in Tel Aviv die Gründerväter Israels gefeiert werden.

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Wandbilder in Tel Aviv / März 2017 / © EAPPI-HpH

Bei solchen Kontrasten in einer kleineräumigen Region stellt sich schon die Frage, wer hier auf Kosten von wem lebt? Und die Anschlussfrage sei erlaubt: Was geht in Menschen vor, die um diese enormen Ungleicheiten wissen, sie aber in ihrem täglichen Leben einfach ausblenden – und tun wir nicht alle das, in der einen oder andern Form?

1) https://www.bundestag.de/blob/414984/bef21cb0f676b0da01ac9df51d09c652/wd-2-174-06-pdf-data.pdf

2) https://www.unrwa.org/sites/default/files/balata_refugee_camp.pdf

 

 

Madama – ein bezauberndes Dorf mit grossen Problemen (Ein Tagesbericht)

Unser Tagesplan sah vor, dass wir zuerst einen Besuch beim Project Hope 1) in Nablus machen. Die Leute in diesem Projekt sind wichtige Partner von EAPPI und manchmal vertreten Volontäre von Project Hope uns, wenn niemand von uns in Yanoun sein kann. Nach diesem Besuch fuhren wir weiter Richtung Beit Furik 2). Dort stand ein Besuch der Beit Furik Boys Secondary School auf dem Programm. Diese Schule gehört zu unseren Prioritäten, weil seit Oktober 2015 der Beit Furik Checkpoint immer wieder geschlossen, beziehungsweise mit Soldaten bemannt war. Da 20 der 26 Lehrer durch diesen Checkpoint müssen, wird der Schulbetrieb natürlich stark beeinträchtigt, wenn der Checkpoint nicht ungehindert passiert werden kann. Allerdings hatte sich die Situation in letzter Zeit etwas normalisiert, wie aus den EAPPI-Rapporten zu entnehmen ist.

Unser Programm wurde ziemlich abrupt auf den Kopf gestellt: Der Checkpoint war bei unserem Eintreffen geschlossen und ein Kolonne von etwa 30 Fahrzeugen wartete vor der von Soldaten bewachten Barriere.

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Der Olivenbaum, Symbol der Hoffnung in Yanoun

Yanoun, dieses kleine Dorf – etwa 16 km südöstlich von Nablus gelegen – ist in einer sehr schwierigen Situation. Die israelischen Siedlungen in unmittelbarer Nachbarschaft versuchen der etwa 80 Menschen zählenden Bevölkerung das Leben schwer zu machen und sie sukzessive ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Sie kesseln Yanoun förmlich ein. 1)
Diese Siedlungen sind gemäss Internationalem und Humanitärem Recht illegal.

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