Alle Beiträge von enrouteaveceappi

Wenn die Wörter das Denken verstellen

In diesem Blog gehört normaleweise das Wort den Ökumenischen BegleiterInnen. Heute möchten wir aber eine spannende Überlegung von Etgar Keret mit euch teilen über den Umgang mit Etikette, erschienen im NZZ Feuilleton, 11ten Juli 2016 (Übersetzung von seinem Artikel vom 24ten Juni 2016 in The New York Times)

Wenn es um den Nahostkonflikt geht, sind die Grenzen verhärtet, die Feindbilder schnell zur Hand. Aber was soll das eigentlich heissen: «antipalästinensisch» oder «antiisraelisch»?

Unlängst erhielt ich die Mitteilung, dass ich den Charles-Bronfman-Preis erhalten sollte. Er honoriert humanitäre Leistungen, die von jüdischen Werten inspiriert sind, und ich fühlte mich geehrt, ja überwältigt, dass mir diese Auszeichnung zuteilwurde. Etliche Nachrichtenportale berichteten darüber, und an einer Schlagzeile blieb mein Blick hängen: «Der antiisraelische Autor Etgar Keret erhält den Bronfman-Preis», verkündete «Frontpage Mag», eine konservative Website.

Einäugige Sicht

Während ich den Artikel und die Online-Kommentare studierte (auf die Frage, wie am besten mit meinen Büchern umzugehen sei, schlug ein Leser vor, man solle sie ins Klo werfen und mit Urin wegspülen), drehte und wendete ich in Gedanken den Begriff «antiisraelisch». Offenbar kann sich niemand mit der politischen Lage im Nahen Osten auseinandersetzen, ohne dass ihm binnen kurzem das Etikett «antiisraelisch» oder «antipalästinensisch» verpasst wird (und gelegentlich, wenn die Ansichten der betreffenden Person etwas komplizierter sind, gleich beide aufs Mal).

Mit dem Präfix «anti-» sind wir alle vertraut. Wir verstehen, was es bedeutet, wenn jemand antisemitisch, antikommunistisch oder anti AKW ist. Aber was genau heisst «antiisraelisch»? Israel ist schliesslich ein Staatswesen, und wir begegnen kaum je Leuten, die wir als «antischweizerisch» oder «antiniederländisch» beschreiben würden. Im Gegensatz zu Ideologien, die wir gegebenenfalls in Bausch und Bogen von uns weisen können, sind Staaten komplexe, facettenreiche, heterogene Gebilde – und das müsste jedem klar sein, der sich daranmacht, einen Staat zu verteidigen oder zu attackieren.

Beispielsweise können wir gegenüber den Niederländern Dankbarkeit empfinden, die Anne Franks Familie während ihrer Zeit im Hinterhaus unterstützten, und gleichzeitig an denjenigen ihrer Landsleute Kritik üben, die sich freiwillig der SS anschlossen. Wir können uns vor den Fussballtalenten verneigen, die dieses Land hervorgebracht hat, überreifen niederländischen Käsesorten aber unsere Wertschätzung entschieden vorenthalten.

Was mich angeht, gibt es keinen Unterschied zwischen «proisraelisch» und «provollbusig». Beide Sichtweisen sind gleichermassen verengt und chauvinistisch. Ich finde es zutiefst verstörend, dass gerade bei den Themen, die mir am wichtigsten sind und am meisten am Herzen liegen, meine Ansichten so häufig auf das nächstbeste Schlagwort reduziert werden. Ich liebe meine Frau, aber ich bin deswegen nicht «pro Ehefrau» – besonders nicht, wenn sie mir zu Unrecht die Leviten liest. Ich habe eine etwas angespannte Beziehung zu der neuen Nachbarin, deren Hunde sich vorzugsweise genau vor unserer Haustür erleichtern, aber das bedeutet nicht, dass ich die Dame oder ihre hübschen Vierbeiner in Bausch und Bogen ablehne.

Das bringt mich zurück zu meiner ersten Frage: Warum verbitten sich die meisten Menschen eine derart reduktive Sicht auf die Dinge in ihrem eigenen Leben, praktizieren sie aber selbst und ohne Wimpernzucken, wenn es um den israelisch-palästinensischen Konflikt geht? Warum gibt es Leute, deren Entsetzen über den Tod palästinensischer Kinder bei einem israelischen Bombenangriff auf Gaza durch ihre Sympathie für die Palästinenser motiviert ist, und andere, die aufgrund ihrer Solidarität mit Israel um die Kinder trauern, die einem Terroranschlag zum Opfer fallen – statt dass beide sich ganz grundsätzlich gegen die Vernichtung unschuldiger Leben stellen?

Erschöpft vom Nachdenken

Meine Theorie geht dahin, dass auf beiden Seiten dieser Kluft viele Menschen stehen, die es müde geworden sind, sich ernsthaft mit Einzelheiten auseinanderzusetzen, und die deshalb einen einfacheren, auf die Gemeinschaft bezogenen Diskurs fordern – eine Einstellung, die der bedingungslosen Unterstützung eines Fussballfans für seine Lieblingsmannschaft ähnelt.

Eine solche Haltung schliesst Kritik an der Mannschaft, die man unterstützt, weitgehend aus, und wenn man sie mit der notwendigen Konsequenz umsetzt, befreit sie einen auch von der Pflicht, Mitgefühl für die andere Seite zu empfinden. Eine Reduktion des Nahostkonflikts auf die Begriffe «anti» und «pro» zielt darauf ab, anstrengende Themen wie «Besetzung», «Koexistenz» oder «Zweistaatenlösung» aus dem Weg zu räumen und sie durch ein simples binäres Modell zu ersetzen: Wir gegen sie.

Die Tendenz der israelischen Gesellschaft, der Komplexität und den Ambivalenzen einer ehrlichen Introspektion auszuweichen, wurde jüngst während des Gerichtsverfahrens gegen den Soldaten Elor Azaria besonders stark spürbar. Azaria hatte nochmals auf einen bereits verwundeten Terroristen geschossen und ihn getötet. Seine Fürsprecher scharten sich hinter den Slogan «Der Soldat ist der Sohn von uns allen». Genau wie die Parteigänger des «pro» und «anti» verweigerten sich viele dieser Unterstützer den Feinheiten einer moralischen oder juristischen Erörterung jener Tat; man begnügte sich damit, den Soldaten zu unserem virtuellen Kind zu erklären, denn wenn es um unsere Kinder geht, dann zählen die Fakten wenig – unsere erste Pflicht ist, ihnen zur Seite zu stehen.

Allerdings bleibt eine Frage unvermeidlich – auch wenn das Etikett «antiisraelisch» umso fester an mir haften wird, wenn ich sie stelle. Nämlich: Ist das wirklich so? Wenn Ihr Sohn einen unbewaffneten Terroristen erschiessen würde, sähen Sie dann seine Tat durch Ihre Liebe zu ihm gerechtfertigt? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten; aber diejenigen, die ihren Sohn nicht minder lieben, aber sein Handeln dennoch missbilligen würden, würde man wohl nicht unbedingt als «anti Sohn» bezeichnen.

Komplexität zulassen

Ich möchte aber auch denjenigen eine Handreichung anbieten, die ohne vereinfachende Etiketten nicht auszukommen glauben. Deshalb schlage ich eine dritte Option vor. Nennen wir sie «ambi». Der Begriff «ambiisraelisch» oder «ambipalästinensisch» würde dann einfach bedeuten, dass wir zwar eine prononcierte Meinung zu den Problemen des Nahen Ostens haben, dass sie aber komplex ist. Diejenigen, die sich dem «ambi»-Lager zurechnen, dürfen ein Ende der Besetzung verlangen, aber die Hamas trotzdem ablehnen; sie können weiterhin die Ansicht vertreten, dass das jüdische Volk einen eigenen Staat verdient, jedoch auch den Finger darauflegen, dass Israel keine fremden Territorien besetzen soll. Wenn wir uns ernsthaft auf eine solche Haltung einliessen, könnten wir auch tiefer in die Debatte über den Konflikt und mögliche Lösungsansätze eintauchen, statt uns lediglich am seichten Ende des Pools gegenseitig anzuspritzen.

Etgar Keret, 1967 im israelischen Ramat Gan geboren, wurde mit seinen prononcierten, witzigen Storys und Romanen zu einem der bekanntesten israelischen Gegenwartsautoren. Im Frühling erschien sein autobiografisches Buch «Die sieben guten Jahre» in deutscher Übersetzung. Aus dem Englischen von as.

Titelbild: Dass Angehörige dem Soldaten Elor Azaria während des Gerichtsverfahrens Rückhalt gaben, ist selbstverständlich. Aber schuldet ganz Israel ihm bedingungslose Loyalität? (Bild: Baz Ratner / Reuters)

Advertisements

E1 – Das Ende vom Traum eines palästinensischen Staates?

Das Team von EAPPI in Ost-Jerusalem hat auf dem EAPPI-Blog über aktuelle Entwicklungen in der Umsetzung des „E1 Plans“ berichtet. Dieses Siedlungsprojekt zwischen Ost-Jerusalem und Jericho würde den Süden der Westbank fast vollständig vom Norden abtrennen und damit eine Zweistaatenlösung ernsthaft gefährden. In diesem Gebiet lebende Beduinen sind von Zwangsumsiedlung bedroht und haben im August unter zahlreichen Zerstörungen gelitten

http://blog.eappi.org/2015/08/20/e1-the-end-of-the-dream-for-a-palestinian-state/

Israels Armee schützt Palästinas Kinder vor Israels Siedlern

Siedler wird von Soldaten weggeleitet. Kinder sind im Aufruhr
Siedler wird von Soldaten weggeleitet. Kinder sind im Aufruhr ©Marcus/EAPPI/2015

Gewalt gegen Kinder in der Westbank ist unerträglich. Und jeder einzelne Vorfall aus Medienberichten ist unerträglich.

Das palästinensische Mädchen Rasha, 8, aus Khirbet Al-Kharoubi wird am 25. April 2014 von Siedlern des berüchtigten Aussenpostens Havet Ma’on schwer am Kopf verletzt.

Israels Armee schützt Palästinas Kinder vor Israels Siedlern weiterlesen

Zatar-Tee im Olivenhain

Gespräch im Schatten mit Tee aus Zatar-Blättern
Gespräch im Schatten mit Tee aus Zatar-Blättern ©Marcus/EAPPI/2015
Dolmetscher und EA: Tea Time auf freiem Fel
Dolmetscher und EA: Tea Time auf freiem Fel ©Marcus/EAPPI/2015

So einfach kann das Leben sein. Und auch ein gutes Glas Tee. Wir warten in der prallen Sonne an einem Road-Gate. Dolmetscher Abed Nawaja hat die gute Idee, die Situation aus dem Schatten zu überwachen. Und die noch bessere Idee, uns alle Ingredientien für einen Tee zu besorgen. Teekanne, Zucker und Gläser leiht er bei einer Bäuerin aus. Mich schickt er hoch zu einem jungen Schafhirten, der ein paar Zatar-Pflanzen zusammensucht. Kollege Nelson (nicht „Mandela“) sammelt Holz.

Zatar-Tee im Olivenhain weiterlesen

April-Wetter am Checkpoint

Gefühlte zwei Grad, 97 % Luftfeuchtgkeit
Gefühlte zwei Grad, 97 % Luftfeuchtgkeit ©Marcus/EAPPI/2015
Regen den ganzen Tag in Westbank Süd
Regen den ganzen Tag in Westbank Süd ©Marcus/EAPPI/2015

Morgens um vier, gefühlte 2° Celsius, am Meitar-Checkpoint. Ein Grenzübergang nach Israel ganz im Süden der besetzten palästinensischen Gebiete. Es giesst fast ununterbrochen  von oben. Für einmal geht es den Beobachtern schlechter als den Palästinensern. Sie sind immerhin unter Dach in der Warteschlange. Wir zählen die Arbeiter von aussen, wenn sie durch eines der vielen Drehkreuze zur ID- und Fingerabdruck-Kontrolle gehen. Heute bleibt der Zähler bei 3454 stehen, dabei zwei ältere Frauen. Das Wetter bestimmt die Arbeitsmöglichkeiten: Bei Regen werden weniger Tagelöhner für die Landwirtschaft und das Baugewerbe gebraucht. Aus dem gleichen Grund kommen etliche wieder durch den Checkpoint zurück. Dominieren sonst Abgewiesene, deren Arbeitsbewilligungen plötzlich ausser Kraft gesetzt wurden, zeigen heute die meisten zum Himmel und seiner klammnassen Entladung. Dem Aprilwetter etwas Gutes abgewinnen konnte Hassan, der unter einer Blache für drei Schekel heissen Kaffee verkauft: „Die Wiesen werden viel länger grün bleiben.“ Und noch ein Trost für den tropfnassen ökumenischen Begleiter: Um acht Uhr fährt der Bus ins wesentlich wärmere Jericho.

April-Wetter am Checkpoint weiterlesen

Bethlehem: die andere Art von Marathon

Zwei Wochen nach den Israel-Wahlen erinnert die Westbank an Besatzung und eingeschränkte Bewegungsfreiheit.

Rennen entlang der Mauer zwischen Israel und der Westbank.
Rennen entlang der Mauer zwischen Israel und der Westbank ©Marcus/EAPPI/2015

Marathonläufer sind Frühaufsteher, auch in Jerusalem. Es ist fünf Uhr morgens am Damaskus-Tor. Noch weht eine frische Brise. Stunden später werden 3093 Laufbegeisterte mit über 20 Grad zu kämpfen haben. Die ersten Busse trudeln ein. Ein Bunsenbrenner sorgt für kochend heissen Kaffee und die Freitagsansprache eines Imams hallt aus dem Kofferradio. Bei der Fahrt in die nahe Nachbarstadt sind alle schon hellwach, Sportler und Zuschauer. Für Gesprächsstoff sorgt die Umstellung auf die Sommerzeit: In Jerusalem und Israel wurde über Nacht umgestellt. Die Westbank ist es erst 24 Stunden später soweit.

Bethlehem: die andere Art von Marathon weiterlesen

Aufbruch nach Palästina

Vor meinem Einsatz als Freiwilliger in der Westbank

„Palästina? Das existiert hier nicht!“, stellt sie bei Konsultation der Länderliste fest: Die Impfberaterin im Genfer Unispital sticht mich schliesslich gegen Typhus, Polio und Hepatitis A. Letzte Vorbereitungen für meinen Freiwilligeneinsatz und klarer Hinweis auf einen nicht ganz klaren Status meines Reiseziels.

Aber erst seit dem 17. März 2015 bin ich in Jerusalem, zusammen mit 30 Entsandten aus einem Dutzend Ländern. Nach der Einführungswoche werden wir auf sieben Standorte (placements) im Westjordanland verteilt, um als Begleiter passiven Schutz zu gewähren und als Beobachter Menschenrechts-Verletzungen zu dokumentieren.

Aufbruch nach Palästina weiterlesen

Willkommen auf dem Blog von EAPPI-Schweiz!

Willkommen auf dem Blog von EAPPI-Schweiz!

Auf dieser Plattform schreiben die Deutschschweizer MenschenrechtsbeobachterInnen (auch „EA“ –  Ecumenical Accompagnier – genannt), die aktuell in Ost-Jerusalem, im Jordantal, in der nördlichen und südlichen Westbank im Einsatz sind.  Sie bieten der betroffenen Zivilbevölkerung in Not im Rahmen von EAPPI  internationale Begleitung an. EAPPI ist ein Programm, das die Friedensbewegungen innerhalb beider vom israelisch-palästinensischen Konflikt betroffenen Gesellschaften stärkt, Friedensinitiativen stützt und die Zivilbevölkerung schützt.

Wie ist die Situation vor Ort? Wie verläuft der Alltag der von den EA’s begleiteten Personen? Wer sind sie überhaupt? Porträts, kurze Artikel, Reportagen, Photos und AugenzeugInnenberichte sind auf diesem Blog zu finden. Wir wünschen gute Lektüre!

Mehr Informationen über EAPPI findest du hier.

Hinweis: Die in diesem Blog vertretenen Meinungen sind persönlich und decken sich nicht zwingend jener der Sendeorganisationen.