Archiv der Kategorie: South Hebron Hills

Brief aus Susiya

Bild: Nassers Tochter Dahlia auf dem Arm von Nichte Donja: Zuversicht trotz angekündigtem Abriss. © P. Moore / EAPPI

Der Brief eines kämpferischen Palästinensers, der mir in den letzten vier Monaten ans Herz gewachsen ist: Nasser Nawaj’ah, unermüdlicher Promoter des Dorfes Susiya im Süden von Hebron. Der Brief zeigt, wie kaltschnäuzig und überheblich die israelische Besatzungsmacht mit der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank umgeht. Setzt sich doch die Armee (CA=Civil Administration) mit den Leuten von Susiya zusammen, um ihnen den Abriss der Hälfte des Dorfes in den nächsten Tagen zu verkünden:

Dear Friend,

We, the residents of Khirbet Susiya, a Palestinian village in the West Bank, need your help.

The Israeli Civil Administration (CA) has notified us of an intention to demolish homes in our village and leave entire families homeless in the desert once the month of Ramadan is over, three days from now.

Last Sunday we met with CA officials and with the Israeli Coordinator of Government Activities in the Territories (COGAT). They told us that the nonprofit Regavim and settlers in our area had pressured them into starting the demolitions before August 3rd, which is when the Israeli High Court will hear our petition.

Yesterday we received the list of structures the Civil Administration wants us to demolish. These structures serve 74 of the residents of Susiya, half of them are children. The list includes almost hald ouf our village structures: ten residential homes, our clinic, eight animal shelters, and twelve storerooms, outhouses, etc.

I was born in the original village of Khirbet Susiya, but we were forced out of there by Israel. We now live on our farmland – and we will not leave it.

We drew up a master plan to legalize the status of our homes, which we built on our land, but the CA rejected it. We petitioned the High Court with the help of Rabbis for Human Rights, asking that that CA be ordered to accept the plan. There are several illegal Israeli outposts close to our village, but the authorities have not threatened them with demolition – even though they have no building permits or master plans.

All we can do now is to continue protesting the plan to demolish our homes, expel us from our land, and transfer it to the settlers.

How can you help?

  1. Get your friends to join and stand with Susiya – we need as many people as possible. Share this information and sign up page: http://www.btselem.org/savesusiya/english/
  2. Save the date: On Friday afternoon, 24 July, come to demonstrate with us in the village, which lies south of Hebron.
  1. Ta’ayush is coordinating regular presence of activists at our village from the end of ‘Eid al-Fitr on Monday, 20 July, to the date of the High Court hearing in our petition on 3 August. Sign up for shifts.
Nasser (r.)
Nasser (r.)

Thank you for your support,

Nasser Nawaj’ah

B’Tselem researcher, resident of Khirbet Susiya  

Dazu der Link zum Blog meiner EAPPI-Kollegin Pia. Sie ist in Susiya mit schützender Präsenz vor Ort:

https://unterwegsmiteappi.wordpress.com/2015/07/20/israelische-siedler-wollen-ein-ganzes-dorf-ausloeschen/#more-432

Marcus, EAPPI-Summer-Team, Juli 2015

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Israelische Siedler wollen ein ganzes Dorf auslöschen

 

1986 war es soweit: Die israelischen Siedler, die sich seit 1982 illegal im Westjordanland auf einem Hügel über dem palästinensischen Dorf Susiya niedergelassen hatten, vertrieben die palästinensischen BewohnerInnen aus dem Dorf, aufgrund seiner „archäologischen Bedeutung“. „Alt-Susiya“ wurde eingezäunt und ist seither ein Archäologiezentrum, weil auf dem Gelände eine Synagoge entdeckt wurde. Das war 1971, doch damals war „nur“ die über der Synagoge wohnende Familie vertrieben worden; nun traf es das ganze Dorf.

Ungefähr 100 Menschen hatten in kühlen und wohlorganisierten Höhlen gewohnt und sie zogen zum Wohnen auf ihr eigenes Land ganz in der Nähe, bauten sich Höhlen, Häuser, Hütten. Nun waren sie aber mitten zwischen der Siedlung Suseya und dem von ihnen beanspruchten Archäologiepark, in welchem sich gegen jedes Recht jüdische SiedlerInnen niedergelassen haben. Dort ist nun ein Outpost, ein illegaler Aussenposten, der aber klar mit der Siedlung verbunden werden soll, worauf viele Zeichen hindeuten. Wird das Realität, hat sich Israel wieder ein riesiges Gebiet einverleibt.

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Susiya unter Dauerstress

Ezra hebt die Augenbrauen. Halb spöttisch, etwas mitleidig, etwas hoffnungslos. Dabei hat er so gar nichts Zweifelndes an sich, ein Mann von unglaublicher Präsenz, unter weisser Kufiyah, grauhaarig, mächtig und doch irgendwie intellektuell, gebildet, gewandt. Ein versierter jüdischer Aktivist, ein Helfer seit der ersten Stunde, ein gefragter und freier – reisefreier – Redner halt, zweisprachig, weltoffen, der kommen und gehen kann, nicht wie die meisten anderen hier.

Diskussion unter dem Zelt in Susiya ©EAPPI/2015
Diskussion unter dem Zelt in Susiya ©EAPPI/2015

Hier in Susiya wird nichts passieren, überall sonst brennt es, aber ihr seid alle hier.“

Schäfer werden täglich angegriffen, letzte Woche wurde einer übel zugerichtet von Siedlern.

Und ja, wir sitzen hier in ständiger Doppelpräsenz, sind extra dafür einberufen worden, wir warten, und nichts ist bisher geschehen. Durch den Feldstecher sehen wir SiedlerInnen und Soldaten in der Ferne, wir wissen nicht, was sie im Sinn haben, was ihre Strategie ist und was das überhaupt ist, was wir sie gerade tun sehen. Wir wissen nicht einmal, ob sie im Einvernehmen mit der Regierung sind oder im Widerspruch, ob ihnen das, was sie tun oder beabsichtigen, erlaubt ist oder nicht. Immer mal wieder kommen sie herunter, verstümmeln die Olivenbäume der palästinensischen Bauernfamilien oder reissen sie aus, oder sie stecken eine neue Weidefläche ab für ihre eigenen Tiere. Ein ständiger Wachposten des israelischen Militärs wacht darüber und garantiert, dass die Geschädigten nichts mehr zurückzuholen versuchen.

Warum sind wir denn genau hier? Susiya ist ein Dorf von 300 bis 400 EinwohnerInnen, davon zwischen 70 und 120 Kinder, die Zahlen unterscheiden sich je nach Quellen enorm: 55 Familien sind es nach UNOCHA. Es gibt eine Schule, viele Tiere, Bäume, Landwirtschaft. Da das Dorf vom definitiven Zerstörungsbefehl betroffen ist, der vor kurzer Zeit durch das Oberste Gericht in Israel geschützt wurde, kann er zu jeder Minute ausgeführt werden. Und wenn das passiert, dann bricht die Welt dieser Menschen in einem halben Tag zusammen.

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Das Dorf, das seit 30 Jahren keines sein darf #2

Vertreibung von 340 Personen von ihrem Land jeden Tag möglich.  Am 5. Mai dieses Jahres hat das oberste israelische Gericht einen Antrag der 55 Familien des palästinensichen Dorfes Susiya im Süden der Westbank abgelehnt. Das bedeutet, dass die seit drei Jahren angedrohte Zerstörung aller 170 Bauten des Dorfes wahr gemacht werden kann. Schon zwei Mal hat die Ziviladministration der israelischen Armee in Susiya Aufnahmen gemacht. Erfahrungsgemäss ein untrügliches Zeichen für ein bevorstehendes baldiges Auffahren der Buldozzer. Damit würden dann 340 Einwohner und Einwohnerinnen, davon 120 Kinder, mit Gewalt vertrieben. (Siehe dazu auch: https://mpsblognews.wordpress.com/2015/05/20/das-dorf-das-seit-30-jahren-keines-sein-darf/ )

Olivenhaine, Bienenkörbe: Vielfältige Landwirtschaft
Olivenhaine, Bienenkörbe: Vielfältige Landwirtschaft ©Marcus/EAPPI/2015

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Israels Armee schützt Palästinas Kinder vor Israels Siedlern

Siedler wird von Soldaten weggeleitet. Kinder sind im Aufruhr
Siedler wird von Soldaten weggeleitet. Kinder sind im Aufruhr ©Marcus/EAPPI/2015

Gewalt gegen Kinder in der Westbank ist unerträglich. Und jeder einzelne Vorfall aus Medienberichten ist unerträglich.

Das palästinensische Mädchen Rasha, 8, aus Khirbet Al-Kharoubi wird am 25. April 2014 von Siedlern des berüchtigten Aussenpostens Havet Ma’on schwer am Kopf verletzt.

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Zatar-Tee im Olivenhain

Gespräch im Schatten mit Tee aus Zatar-Blättern
Gespräch im Schatten mit Tee aus Zatar-Blättern ©Marcus/EAPPI/2015
Dolmetscher und EA: Tea Time auf freiem Fel
Dolmetscher und EA: Tea Time auf freiem Fel ©Marcus/EAPPI/2015

So einfach kann das Leben sein. Und auch ein gutes Glas Tee. Wir warten in der prallen Sonne an einem Road-Gate. Dolmetscher Abed Nawaja hat die gute Idee, die Situation aus dem Schatten zu überwachen. Und die noch bessere Idee, uns alle Ingredientien für einen Tee zu besorgen. Teekanne, Zucker und Gläser leiht er bei einer Bäuerin aus. Mich schickt er hoch zu einem jungen Schafhirten, der ein paar Zatar-Pflanzen zusammensucht. Kollege Nelson (nicht „Mandela“) sammelt Holz.

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April-Wetter am Checkpoint

Gefühlte zwei Grad, 97 % Luftfeuchtgkeit
Gefühlte zwei Grad, 97 % Luftfeuchtgkeit ©Marcus/EAPPI/2015
Regen den ganzen Tag in Westbank Süd
Regen den ganzen Tag in Westbank Süd ©Marcus/EAPPI/2015

Morgens um vier, gefühlte 2° Celsius, am Meitar-Checkpoint. Ein Grenzübergang nach Israel ganz im Süden der besetzten palästinensischen Gebiete. Es giesst fast ununterbrochen  von oben. Für einmal geht es den Beobachtern schlechter als den Palästinensern. Sie sind immerhin unter Dach in der Warteschlange. Wir zählen die Arbeiter von aussen, wenn sie durch eines der vielen Drehkreuze zur ID- und Fingerabdruck-Kontrolle gehen. Heute bleibt der Zähler bei 3454 stehen, dabei zwei ältere Frauen. Das Wetter bestimmt die Arbeitsmöglichkeiten: Bei Regen werden weniger Tagelöhner für die Landwirtschaft und das Baugewerbe gebraucht. Aus dem gleichen Grund kommen etliche wieder durch den Checkpoint zurück. Dominieren sonst Abgewiesene, deren Arbeitsbewilligungen plötzlich ausser Kraft gesetzt wurden, zeigen heute die meisten zum Himmel und seiner klammnassen Entladung. Dem Aprilwetter etwas Gutes abgewinnen konnte Hassan, der unter einer Blache für drei Schekel heissen Kaffee verkauft: „Die Wiesen werden viel länger grün bleiben.“ Und noch ein Trost für den tropfnassen ökumenischen Begleiter: Um acht Uhr fährt der Bus ins wesentlich wärmere Jericho.

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Südliches Westjordanland

In dieser Region führt die Ausdehnung israelischer Siedlungen dazu, dass Bauern- und Hirtenfamilien Zugang zu immer weniger Land haben. Dieses wird zum Teil enteignet, zum Teil verhindert Gewalt von SielderInnen, dass Bauern ihr Land kultivieren können. viele Dörfer sind von Hauszerstörungen betroffen. Weil die palästinensischen Ortschaften unter israelischer Planungshoheit stehen, haben die DorfbewohnerInnen kaum Chancen, eine Baubewilligung zu erhalten.

Hebron ist die einzige Stadt im Westjordanland, in der israelische Siedlungen direkt im Stadtgebiet liegen. Deshalb wurde sie 1997 im Hebron-Protokoll zweigeteilt und das Gebiet, in dem sich die Siedlungen befinden, unter israelische Kontrolle gestellt. Dies führt zu erheblichen Einschränkungen für die palästinensische Bevölkerung und zu täglichen Übergriffen auf PalästinenserInnen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Siedlungen leben. Arbeitsschwerpunkt des EAPPI-Teams in Hebron ist die Begleitung von SchülerInnen auf ihrem Weg zur Schule durch militärische Checkpoints und und der Schutz vor Übergriffen von SiedlerInnen und deren Kinder.

Hebron - Kassem
Kinder auf der Weg zur Schule beim Passieren eines Checkpoints. © EAPPI 2014

Bethlehem liegt nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt, ist jedoch durch den Bau der israelischen Sperranlage durch eine Mauer davon abgeriegelt. Die EinwohnerInnen können sich nicht mehr frei nach Jerusalem bewegen, etwa um dort zu arbeiten. Aufgrund der angespannten politischen Situation der letzten Jahre und des Baus der Sperranlage halten sich nur wenige Touristen länger in Bethlehem auf, was dazu führt, dass eine der Haupteinnahmequellen der Stadt verloren ging. Die Aufgabe des EAPPI-Teams besteht in der Beobachtung des Checkpoints und im Sammeln von statistischen Daten. Sie begleiten die BewohnerInnen der umliegenden Dörfern bei ihren Aktionen gegen Hauszerstörungen durch die israelische Armee oder bei gewaltfreien Demonstrationen gegen die israelische Sperranlage.

Die Region South Hebron Hills ist fast ausschliesslich als «Area C» deklariert, d.h., es wird vollständig von Israel kontrolliert. Zudem befinden sich mehrere militärische Sperrzonen und Übungsgelände in diesem Gebiet. Dies schränkt die ansässige palästinensische Bevölkerung in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihren Landnutzungs-
rechten stark ein. Regelmässig kommt es zu Zerstörungen von Häuern, Zisternen oder gar Zelten durch die israelische Armee. Auch gewaltsamen Übergriffen durch Siedler ist die Bevölkerung praktisch schutzlos ausgesetzt. Das EAPPI-Team gewährleistet Präsenz und dokumentiert Fälle von Übergriffen und Menschenrechtsverletzungen seitens israelischer SiedlerInnen. Teils in Zusammenarbeit mit israelischen Friedensorganisationen oder dem UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte.