Schlagwort-Archive: EAPPI

Deutschsprachiger und französischer Blog zusammengelegt

Seit Mitte November sind vier Freiwillige aus der Schweiz als ökumenische BegleiterInnen im Einsatz. Neu schreiben sie sowohl auf deutsch wie auf französisch auf einem gemeinsam Blog:

eappiswitzerland.wordpress.com

hier direkt zum neusten Eintrag:

https://eappiswitzerland.wordpress.com/2017/11/19/eindruecke-des-ersten-tages-in-hebron/

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Mit Biogurken gegen die Besatzungsmacht

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Hakoritna Farm, Tulkarem, ©TO/EAPPI/2017

Wenn die Besatzung des Westjordanlandes durch das israelische Militär jemals etwas Gutes hervorgebracht hat, dann ist es, dass Fayez Tanib Biobauer wurde.

Schon während seiner Jugend begann sich Fayez im gewaltlosen Widerstand politisch zu engagieren. Dies war seiner Meinung nach wohl auch der Grund, warum er 1978 festgenommen wurde, als er nach seinem Studium auf der Suche nach Arbeit die Allenbybrücke nach Jordanien überqueren wollte. 32 Tage sass er dazumal ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis und erhielt zusätzlich ein Ausreiseverbot auf unbestimmte Zeit. Da er danach in Palästina keine Arbeit finden konnte, die seiner Qualifikation als studierter Elektrotechniker entsprach, war er gezwungen in einem lokalen Bergwerk anzuheuern, wo er für einige Jahre arbeitete. Sein Vater betrieb eine Farm am Stadtrand von Tulkarem im nordwestlichen Westjordanland, wo seine Familie seit vielen Generationen den fruchtbaren Boden bewirtschaftete. 1984 starb Fayez‘ Vater und mit ihm auch die Pflanzen, da niemand die Farm weiterführte. Als Fayez sechs Monate nach dem Tod seines Vaters seine Stelle in dem Bergwerk verlor, entschied er sich den Betrieb auf der Farm wieder aufzunehmen, womit er auch, wie sich später herausstellte, seinen Kampf gegen die Besatzung wieder aufnahm. Unterdessen hatte das israelische Militär direkt neben seinem Grundstück einen Sportplatz errichtet, wobei es auch gelegentlich das Grundstück von Fayez für ihre Aktivitäten nutzte. Natürlich liess sich das israelische Militär nicht einfach so von ein paar Gurken vertreiben und zertrampelte regelmässig seine Ernte. Fayez, der schon einiges über sich ergehen lassen musste, säte jedoch immer wieder von Neuem, bis sie ihn schliesslich vorerst gewähren liessen.

Im selben Jahr 1984, wurde angrenzend an Fayez Grundstück, die Nitzanei Shalom Industrie-Zone errichtet in der sich Israelis und Palästinenser durch wirtschaftliche Zusammenarbeit annähern sollten. Nitzanei Shalom bedeutet so viel wie „Knospen des Friedens“. Zu der Industrie-Zone gehören auch die Geshuri Fabriken in denen vor allem Düngermittel und Pestizide hergestellt werden. Zuvor standen die Geshuri Fabriken in Kfar Saba in Israel, wo sie 1982 aufgrund der Umweltverschmutzung durch eine Verfügung des israelischen Gerichtshofes geschlossen werden mussten.

Schnell bemerkte Fayez die Umweltschäden welche von den Fabriken ausgingen. So hatte er, seit die Fabriken errichtet wurden, des Öfteren Atemprobleme bei der Arbeit. Einige Jahre später stieg die Haut- und Lungenkrebsrate in Tulkarem drastisch an und ist heute viermal höher als in den übrigen palästinensischen Gebieten. Wie Fayez, vermutet auch Dr. Abdelfatah Tareq, Direktor des Gesundheitsamts von Tulkarem, dass die erhöhte Lungen- und Hautkrebsrate in Zusammenhang mit den Fabriken steht. Zudem haben palästinensische Fabrikmitarbeiter berichtet, dass sie die Anweisung erhalten haben bei Ostwind, welcher die Abgase über die Mauer nach Israel blasen würde, die Produktion einzustellen. Aus der Fabrik entweiche zudem auch schmutziges Abwasser, welches ungefiltert in den Boden fliesst, was die Farm und das gesamte Grundwasser der Region gefährdet.

Aufgrund der Chemiefabrik direkt neben seiner Farm wurden Fayez die Umweltschäden bewusst welche  die Düngermittel und Pestizide, die auch er benutzte, verursachten. Zudem wollte er auch keine Düngermittel und Pestizide mehr einkaufen, die hauptsächlich aus Israel kamen und evtl. mit den Geshuri Fabriken in Verbindung standen. So entschied er sich 1990 komplett auf die Chemie zu verzichten und begann mit dem biologischen Anbau. Die Umstellung war am Anfang nicht einfach, da er wenig über biologischen Anbau wusste und es zu dieser Zeit schwierig war in Palästina Informationen zu dem Thema zu bekommen. So experimentierte er meistens einfach bis er das gewünschte Resultat erzielte.

Mit der voranschreitenden Umweltbelastung durch die Fabrik fühlte Fayez sich jedoch dazu berufen, etwas aktiv gegen die Fabriken zu unternehmen und reichte 1998 bei den israelischen Behörden eine Beschwerde ein. Kurz darauf beobachtete Fayez, dass da, wo zuvor das Abwasser in den Boden sickerte, Tag und Nacht gearbeitet wurde. Als dann ein paar Gutachter kamen um sich die Situation vor Ort anzuschauen, stand da, wo zuvor das schmutzige Abwasser in ein Loch in der Erde gegossen wurde,  plötzlich ein Parkplatz mit Autos drauf. Für die Inspektoren und die israelischen Behörden hatte sich die Angelegenheit damit erledigt. Solche absurden Vorgänge sind in den besetzten Palästinensischen Gebieten nichts Ungewöhnliches. Auch später sind immer wieder Gutachter gekommen und haben Luft-, Boden- und Wasserproben genommen. Die Resultate dieser Untersuchungen wurden jedoch nie publiziert. Später versuchte Fayez mehrmals auf internationaler Ebene gegen die Geshuri Fabriken vorzugehen. Denn die Geshury Fabriken verstossen aus verschiedenen Gründen gegen internationales Recht, hauptsächlich da sie Teils auf privaten Grund von Palästinensern  errichtet wurden. Israel liess sich aber von den internationalen Beschlüssen nicht beeindrucken und so verschmutzen die Fabriken weiterhin die Luft und den Boden.

Mit dem Beginn der zweiten Intifada war es dann auch auf der Farm vorbei mit der Ruhe. 2003 konfiszierte Israel grosse Teile seines Landes um die Grenzmauer zu errichten, welche quer durch die Farm gezogen wurde. Seither ist seine Farm eingekeilt zwischen der Grenzmauer und den Chemiefabriken und nur noch durch eine kleine Zufahrtsstrasse erreichbar. Von den ursprünglichen 32 Dunums (3.2 Hektaren) Land seiner Familie blieben ihm gerade mal noch 13 Dunums. Als wäre das nicht genug, blockierte das Israelische Militär die Zufahrtsstrasse mit Betonblöcken, aus Sicherheitsgründen wie es hiess. So musste Fayez seine Güter und Gerätschaften jeweils 500 Meter zwischen der Strassensperre und der Farm hin und her tragen. Dies veranlasste Fayez, grösseres Geschütz aufzufahren und er wandte sich zusammen mit verschiedenen palästinensischen Organisationen wie „StopptheWall“ an den Internationalen Gerichtshof in den Haag um gegen die Mauer in Tulkarem Anklage zu erheben. Der internationale Gerichtshof gab Ihnen Recht und forderte Israel auf die Mauer wieder zu entfernen. Die Mauer steht jedoch immer noch und wird zurzeit gerade weiter ausgebaut.

Hakoritna Farm
Hakoritna Farm, Tulkarem, ©Googlemaps/2017

Zwischen 2003 und 2005 musste Fayez unzählige weitere Schikanen über sich ergehen lassen. So wurde in diesem Zeitraum seine Bewässerungsanlage dreimal in Folge demoliert. Um herauszufinden wer dahinter steckt, legte sich Fayez in der Nacht auf die Lauer, bis er schliesslich einen Bulldozer auf frischer Tat ertappte.  Aus Wut stürmte er die Führerkabine, riss den Fahrer heraus und verpasste ihm einen Faustschlag. Es stellte sich heraus, dass er von den Geshuri Fabriken nebenan beauftragt wurde. Während dieser Zeit wurde auch mehrmals auf Fayez geschossen und er kam erneut sechs Monate in Untersuchungshaft. Als Fayez wieder im Gefängniss sass, musste seine Frau Mona die Farm alleine führen, worüber deren ältester Sohn später einen Dokumentarfilm erstellte. Der Kurzfilm ist zu sehen auf „the unkown soldiers“.

Als nächstes zerstörte das israelische Militär seine Gewächshäuser mit der Begründung, dass diese die Sicht auf das Gelände direkt an der Mauer versperren würden, wodurch ein Sicherheitsrisiko entstehe. Fayez liess sich jedoch nicht entmutigen und machte weiter. Als 2004 die Gurken wieder zu spriessen begannen, riegelte das israelische Militär das Gebiet mit einem Zaun komplett ab. Als Folge davon konnte Fayez sein Land für 18 Monate nicht betreten. Jeden Tag kam er zum Zaun um zu protestieren. Als er es dann eines Tages nicht mehr aushielt, schnitt er schliesslich ein Loch in den Zaun und nahm den Betrieb wieder auf. Anfangs prügelten ihn die Soldaten noch von seinem Land. Doch er versuchte es immer wieder, bis sie ihn schliesslich gewähren liessen. Die Farm war zu diesem Zeitpunkt weitgehend zerstört und er musste wieder von Null beginnen.

Heute ist Fayez Vater von vier Kindern und einer der erfahrensten und innovativsten Biobauern im Nahen Osten. Seinen Dünger  produziert er zum Beispiel aus Eseldung, welchen er von verschiedenen Eselhaltern aus der Stadt erhält. Mit einer selber gebauten Konstruktion mischt er den Dung mit Wasser und fängt oben das Methan ab, welches er unter anderem zum Kaffee kochen verwendet. Er besitzt auch eine grosse Samenbank mit welcher er internationalen Handel betreibt. Aufgrund der Wasserknappheit bewirtschaftet er seit neustem ein aquaponisches System, was als eine Kombination aus Fischfarm und Pflanzenanbau zu verstehen ist.  Dabei befindet sich das Wasser in einem Kreislauf zwischen Pflanzen und Fischbecken. Die Ausscheidungen der Fische (Ammonia) werden dabei durch Bakterien in Nitrate und Nitrite umgewandelt welche als Dünger für die Pflanzen dienen. Die Pflanzen und die Erde reinigen wiederum das Wasser, welches zurück in das Fischbecken fliesst.

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Methangewinnung aus Biodünger, Hakoritna Farm, Tulkarem, ©TO/EAPPI/2017

Die Hakoritna Farm produziert über Tomaten, Gurken, Bohnen, Kartoffeln und Erdbeeren fasst alles was in diesen Breitengraden anzutreffen ist. Mittlerweile ist sie in ganz Palästina und auch auf der anderen Seite der Mauer bekannt und es kommen Leute aus der ganzen Welt, um sich mit Fayez über biologischen Anbau auszutauschen.

Auf der Hakoritna Farm gibt es auch die Möglichkeit Freiwilligenarbeit zu leisten. Wer sich also für ein Volontariat auf Fayez‘ Farm interessiert und dabei mehr über biologischen Anbau erlernen will, kann ihn jederzeit auf seiner Facebook Seite #Hakoritna  kontaktieren.

Fahez Tanib
Fayez Tanib, Hakoritna Farm, Tulkarem, ©Stopthewall 2011

TO, Tulkarem, August 2017

Das Drachenfest von Burin

In der kleinen Stadt Burin, südlich von Nablus, liessen am 8. Juli Erwachsene und Kinder ihre Drachen steigen. Die Stadt in den Hügeln ist von den Siedlungen Bracha und Yitzhar umgeben.

PalästinensersInnen versammeln sich zum Drachenfest ©EAPPI/2017

Wir haben Ghassan, der das Drachenfest iniziiert hat, das erste Mal Ende Juni getroffen, als 45 Olivenbäume einer Familie aus Burin von Siedlern abgesägt wurden und wir darüber rapportierten. Die betroffene Familie hatte keinen Zugang zu den beschädigten Bäumen, da diese in Area C (vgl. UNOCHA humanitarian map) sind. Um in dieses Gebiet zu kommen, benötigen PalästinenserInnen eine Bewilligung der israelischen Regierung. Diese bekommen sie in der Regel einmal jährlich für die Olivenernte im Herbst. Die israelische Organisation „Rabbis for Human Rights“ ist in Area C zugelassen und hat den Schaden dokumentiert. Neben den zerstörten Olivenbäumen wurde auf einen Stein «revenge» in Hebräisch gesprayt, worüber die palästinensische Nachrichtenagentur Ma’an News am 25. Juni berichtete. 

Ghassan setzt sich seit Jahren für seine Gemeinde ein. Er war der Gründer des Jugendzentrums, das 2007 das erste Drachenfest organisierte. Kinder aus Burin, umliegenden Dörfern und den Flüchtlingscamps wurden dazu eingeladen. Bis 2014 war dies ein jährliches Ereignis, um die Kinder abseits von Alltag und Politik Kinder sein zu lassen.

Kind lässt Drachen steigen ©EAPPI/2017

Jedoch ist dieses Fest auch Ausdruck der Resistenz der Bevölkerung. So erzählt Ghassan, der aufgrund seiner Aktivitäten für seine Gemeinde schon mehrmals inhaftiert wurde, dass die PalästinenserInnen ins Gefängnis gehen, um „auszuruhen“ und mit noch mehr Kraft wieder rauskommen, um gegen die Besetzung zu protestieren. Während Ghassan uns dies erzählt, hört sein Vater ihm schweigend zu und schüttelt lachend den Kopf.

So wurden Drachen jährlich fliegen gelassen bis 2014. Aufgrund von Problemen mit den umliegenden Siedlungen und mit dem israelischen Militär konnte das Drachenfest nach drei Jahren Unterbruch erstmals 2017 wieder stattfinden.

Etwa 100 Kinder und Erwachsene waren vor Ort, um die Drachen über den Hügeln steigen zu lassen. Natürlich wurde laute Musik gespielt, getanzt und gegessen. Jedes Kind bekam zum Abschluss eine Medaille als Preis.

Drachen über Bracha Siedlung ©EAPPI/2017

Israelische Soldaten und Siedler beobachteten das Spektakel aus den entfernten Hügeln.

Wie kam Ghassan auf die Idee mit den Drachenfest? Er erklärt, dass die PalästinenserInnen die Flugzeuge am Himmel sehen, aber nicht mitfliegen können. Darum lassen sie ihre eigenen steigen!

 

Viola, Yanoun, Juli 2017

Der Olivenbaum, Symbol der Hoffnung in Yanoun

Yanoun, dieses kleine Dorf – etwa 16 km südöstlich von Nablus gelegen – ist in einer sehr schwierigen Situation. Die israelischen Siedlungen in unmittelbarer Nachbarschaft versuchen der etwa 80 Menschen zählenden Bevölkerung das Leben schwer zu machen und sie sukzessive ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Sie kesseln Yanoun förmlich ein. 1)
Diese Siedlungen sind gemäss Internationalem und Humanitärem Recht illegal.

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Wenn die Wörter das Denken verstellen

In diesem Blog gehört normaleweise das Wort den Ökumenischen BegleiterInnen. Heute möchten wir aber eine spannende Überlegung von Etgar Keret mit euch teilen über den Umgang mit Etikette, erschienen im NZZ Feuilleton, 11ten Juli 2016 (Übersetzung von seinem Artikel vom 24ten Juni 2016 in The New York Times)

Wenn es um den Nahostkonflikt geht, sind die Grenzen verhärtet, die Feindbilder schnell zur Hand. Aber was soll das eigentlich heissen: «antipalästinensisch» oder «antiisraelisch»?

Unlängst erhielt ich die Mitteilung, dass ich den Charles-Bronfman-Preis erhalten sollte. Er honoriert humanitäre Leistungen, die von jüdischen Werten inspiriert sind, und ich fühlte mich geehrt, ja überwältigt, dass mir diese Auszeichnung zuteilwurde. Etliche Nachrichtenportale berichteten darüber, und an einer Schlagzeile blieb mein Blick hängen: «Der antiisraelische Autor Etgar Keret erhält den Bronfman-Preis», verkündete «Frontpage Mag», eine konservative Website.

Einäugige Sicht

Während ich den Artikel und die Online-Kommentare studierte (auf die Frage, wie am besten mit meinen Büchern umzugehen sei, schlug ein Leser vor, man solle sie ins Klo werfen und mit Urin wegspülen), drehte und wendete ich in Gedanken den Begriff «antiisraelisch». Offenbar kann sich niemand mit der politischen Lage im Nahen Osten auseinandersetzen, ohne dass ihm binnen kurzem das Etikett «antiisraelisch» oder «antipalästinensisch» verpasst wird (und gelegentlich, wenn die Ansichten der betreffenden Person etwas komplizierter sind, gleich beide aufs Mal).

Mit dem Präfix «anti-» sind wir alle vertraut. Wir verstehen, was es bedeutet, wenn jemand antisemitisch, antikommunistisch oder anti AKW ist. Aber was genau heisst «antiisraelisch»? Israel ist schliesslich ein Staatswesen, und wir begegnen kaum je Leuten, die wir als «antischweizerisch» oder «antiniederländisch» beschreiben würden. Im Gegensatz zu Ideologien, die wir gegebenenfalls in Bausch und Bogen von uns weisen können, sind Staaten komplexe, facettenreiche, heterogene Gebilde – und das müsste jedem klar sein, der sich daranmacht, einen Staat zu verteidigen oder zu attackieren.

Beispielsweise können wir gegenüber den Niederländern Dankbarkeit empfinden, die Anne Franks Familie während ihrer Zeit im Hinterhaus unterstützten, und gleichzeitig an denjenigen ihrer Landsleute Kritik üben, die sich freiwillig der SS anschlossen. Wir können uns vor den Fussballtalenten verneigen, die dieses Land hervorgebracht hat, überreifen niederländischen Käsesorten aber unsere Wertschätzung entschieden vorenthalten.

Was mich angeht, gibt es keinen Unterschied zwischen «proisraelisch» und «provollbusig». Beide Sichtweisen sind gleichermassen verengt und chauvinistisch. Ich finde es zutiefst verstörend, dass gerade bei den Themen, die mir am wichtigsten sind und am meisten am Herzen liegen, meine Ansichten so häufig auf das nächstbeste Schlagwort reduziert werden. Ich liebe meine Frau, aber ich bin deswegen nicht «pro Ehefrau» – besonders nicht, wenn sie mir zu Unrecht die Leviten liest. Ich habe eine etwas angespannte Beziehung zu der neuen Nachbarin, deren Hunde sich vorzugsweise genau vor unserer Haustür erleichtern, aber das bedeutet nicht, dass ich die Dame oder ihre hübschen Vierbeiner in Bausch und Bogen ablehne.

Das bringt mich zurück zu meiner ersten Frage: Warum verbitten sich die meisten Menschen eine derart reduktive Sicht auf die Dinge in ihrem eigenen Leben, praktizieren sie aber selbst und ohne Wimpernzucken, wenn es um den israelisch-palästinensischen Konflikt geht? Warum gibt es Leute, deren Entsetzen über den Tod palästinensischer Kinder bei einem israelischen Bombenangriff auf Gaza durch ihre Sympathie für die Palästinenser motiviert ist, und andere, die aufgrund ihrer Solidarität mit Israel um die Kinder trauern, die einem Terroranschlag zum Opfer fallen – statt dass beide sich ganz grundsätzlich gegen die Vernichtung unschuldiger Leben stellen?

Erschöpft vom Nachdenken

Meine Theorie geht dahin, dass auf beiden Seiten dieser Kluft viele Menschen stehen, die es müde geworden sind, sich ernsthaft mit Einzelheiten auseinanderzusetzen, und die deshalb einen einfacheren, auf die Gemeinschaft bezogenen Diskurs fordern – eine Einstellung, die der bedingungslosen Unterstützung eines Fussballfans für seine Lieblingsmannschaft ähnelt.

Eine solche Haltung schliesst Kritik an der Mannschaft, die man unterstützt, weitgehend aus, und wenn man sie mit der notwendigen Konsequenz umsetzt, befreit sie einen auch von der Pflicht, Mitgefühl für die andere Seite zu empfinden. Eine Reduktion des Nahostkonflikts auf die Begriffe «anti» und «pro» zielt darauf ab, anstrengende Themen wie «Besetzung», «Koexistenz» oder «Zweistaatenlösung» aus dem Weg zu räumen und sie durch ein simples binäres Modell zu ersetzen: Wir gegen sie.

Die Tendenz der israelischen Gesellschaft, der Komplexität und den Ambivalenzen einer ehrlichen Introspektion auszuweichen, wurde jüngst während des Gerichtsverfahrens gegen den Soldaten Elor Azaria besonders stark spürbar. Azaria hatte nochmals auf einen bereits verwundeten Terroristen geschossen und ihn getötet. Seine Fürsprecher scharten sich hinter den Slogan «Der Soldat ist der Sohn von uns allen». Genau wie die Parteigänger des «pro» und «anti» verweigerten sich viele dieser Unterstützer den Feinheiten einer moralischen oder juristischen Erörterung jener Tat; man begnügte sich damit, den Soldaten zu unserem virtuellen Kind zu erklären, denn wenn es um unsere Kinder geht, dann zählen die Fakten wenig – unsere erste Pflicht ist, ihnen zur Seite zu stehen.

Allerdings bleibt eine Frage unvermeidlich – auch wenn das Etikett «antiisraelisch» umso fester an mir haften wird, wenn ich sie stelle. Nämlich: Ist das wirklich so? Wenn Ihr Sohn einen unbewaffneten Terroristen erschiessen würde, sähen Sie dann seine Tat durch Ihre Liebe zu ihm gerechtfertigt? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten; aber diejenigen, die ihren Sohn nicht minder lieben, aber sein Handeln dennoch missbilligen würden, würde man wohl nicht unbedingt als «anti Sohn» bezeichnen.

Komplexität zulassen

Ich möchte aber auch denjenigen eine Handreichung anbieten, die ohne vereinfachende Etiketten nicht auszukommen glauben. Deshalb schlage ich eine dritte Option vor. Nennen wir sie «ambi». Der Begriff «ambiisraelisch» oder «ambipalästinensisch» würde dann einfach bedeuten, dass wir zwar eine prononcierte Meinung zu den Problemen des Nahen Ostens haben, dass sie aber komplex ist. Diejenigen, die sich dem «ambi»-Lager zurechnen, dürfen ein Ende der Besetzung verlangen, aber die Hamas trotzdem ablehnen; sie können weiterhin die Ansicht vertreten, dass das jüdische Volk einen eigenen Staat verdient, jedoch auch den Finger darauflegen, dass Israel keine fremden Territorien besetzen soll. Wenn wir uns ernsthaft auf eine solche Haltung einliessen, könnten wir auch tiefer in die Debatte über den Konflikt und mögliche Lösungsansätze eintauchen, statt uns lediglich am seichten Ende des Pools gegenseitig anzuspritzen.

Etgar Keret, 1967 im israelischen Ramat Gan geboren, wurde mit seinen prononcierten, witzigen Storys und Romanen zu einem der bekanntesten israelischen Gegenwartsautoren. Im Frühling erschien sein autobiografisches Buch «Die sieben guten Jahre» in deutscher Übersetzung. Aus dem Englischen von as.

Titelbild: Dass Angehörige dem Soldaten Elor Azaria während des Gerichtsverfahrens Rückhalt gaben, ist selbstverständlich. Aber schuldet ganz Israel ihm bedingungslose Loyalität? (Bild: Baz Ratner / Reuters)

Ramadan: Kanonen, Gebete, Völkerwanderung

Zuerst ein Donnerknall, dann die Stimme des Muezzin vom nahen Minarett. Ein Kanonenschuss und das Abendgebet beenden den langen Fastentag. Es ist Ramadan in Jerusalem und die Muslime und Musliminnen erwarten diesen Moment mit nachlassender Geduld.

Schon Stunden vorher war die Spannung spürbar. Einer drehte fast durch: Mit Riesentempo rast er durch die Fussgängerzone, die Flanierenden springen zur Seite. Und auf der halb leeren Salah Eddin Street rempelt unversehens ein 10-Jähriger meine Kollegin an. Auch er nicht mehr ganz Herr seiner Bewegungen.

Im Restaurant war vor allem die letzte Viertelstunde hektisch: Zwei Kellner laden den Tisch voll für das „Ramadan Special“, ein Schälchen um das andere. Und nach dem Kanonendonner geht es jetzt los: Ein Glas Wasser, dann eine Dattel. Wir essen uns durch das volle Programm: Linsensuppe, Tomaten und Gurken in kleinen Würfeln, Falafel, gebratener Reis mit Nüssen, gebratenes Huhn, Yoghurt-Saucen, gefüllte Weinblätter, Essiggurken, Kartoffeln.

Die Mauer zwischen der Westbank und Jerusalem.
Die Mauer zwischen der Westbank und Jerusalem ©Marcus/EAPPI/2015

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Aufbruch nach Palästina

Vor meinem Einsatz als Freiwilliger in der Westbank

„Palästina? Das existiert hier nicht!“, stellt sie bei Konsultation der Länderliste fest: Die Impfberaterin im Genfer Unispital sticht mich schliesslich gegen Typhus, Polio und Hepatitis A. Letzte Vorbereitungen für meinen Freiwilligeneinsatz und klarer Hinweis auf einen nicht ganz klaren Status meines Reiseziels.

Aber erst seit dem 17. März 2015 bin ich in Jerusalem, zusammen mit 30 Entsandten aus einem Dutzend Ländern. Nach der Einführungswoche werden wir auf sieben Standorte (placements) im Westjordanland verteilt, um als Begleiter passiven Schutz zu gewähren und als Beobachter Menschenrechts-Verletzungen zu dokumentieren.

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